Wracktauchen an der Fujikawa Maru

Das vielfältige „Alteisen“ in Truk Lagoon ist eine Reise wert

Fujikawa Maru

Unter Tauchfreaks und UW-Fotografen gilt die Fujikawa Maru als möglicherweise schönstes Wrack von Mikronesien. Keines liegt perfekter auf dem Grund, keines bietet in moderaten Tauchtiefen eine derartige Abwechslung, kaum eines ist schöner bewachsen und ungefährlicher zu betauchen. Doch den geschichtlichen Hintergrund darf man nicht aus den Augen verlieren. Tauchen Sie dort, bleiben Sie ehrfürchtig, denn Sie begegnen vielfach den mahnenden Relikten der ums Leben gekommenen Seeleute. Aber lernen Sie den Star von Truk Lagoon mit uns näher kennen.

Um die Fujikawa Maru zu betauchen, muss man weit fliegen, sehr weit sogar. Bis nach Mikronesien, einer weit verstreuten Inselgruppe im Pazifik. Zwischendurch heißt es mehrmals umsteigen, bis man auf dem Provinzflughafen in Chuk gelandet ist. Eine anspruchsvolle Reise, auf die auch besser Verdienende etwas sparen müssen. Was den Vorteil hat, dass man dort eher ungestört tauchen und fotografieren kann. Der Preis regelt die Nachfrage in diesem Fall zum Wohl der Natur und eben auch der Wracks in Truk Lagoon.
Von den ca. 60 Wracks in der 50 Kilometer breiten Lagune von Truk gilt die versunkene Fujikawa Maru als das primäre Ziel unter den Geisterschiffen. Es ist „Das Wrack“ der Wracks. Fotografen rühmen die unglaubliche Farbenpracht der mannshohen Weichkorallen und die Möglichkeiten zur Umsetzung ausgezeichneter Detailaufnahmen. Um die Fujikawa Maru fotografisch zu erfassen muss man mindestens 20 Mal dort getaucht haben. Zu groß, zu weitläufig, zu vielseitig ist der stählerne Riese, als dass man ihn im Vorübergehen abhaken könnte, zu interessant ist dessen Geschichte.

Fujikawa Maru Historie

Gebaut wurde die Fujikawa Maru 1938 in Japan vom Industriekonzern Mitsubishi. Besitzer war der Reeder Toyo Kaiun, der den Frachter anfangs auf der Route Japan – Nordamerika einsetzte. Nach heutigen Maßstäben war die Fujikawa Maru eher ein Kleinfrachter, doch maß sie für damalige Verhältnisse imposante 132 Meter in der Länge und fast 18 Meter in der Breite. Unter Wasser, wenn man an ihrer Seitenwand entlangschwimmt, scheint das Schiff kein Ende zu nehmen…
Bereits nach wenigen Monaten Einsatz wurde sie vom Handelsriesen Mitsui Busan gechartert und verkehrte nun hauptsächlich zwischen Indien und Südamerika. In ihrer neuen Rolle und nach einigen Umbauten stieg sie zum Frachter der gehobenen Klasse mit komfortablen und luxuriösen Passagierkabinen auf. Transportiert wurden hauptsächlich die seinerzeit sehr gesuchten Bekleidungsfasern Leinen, Baumwolle, Jute, Flachs und Seide. Nach Japans Eintritt in den Krieg wurde die Fujikawa Maru am 9. Dezember 1940 als Kriegsschiff requiriert und der Königlichen – Japanischen – Kriegsmarine unterstellt. Fast exakt ein Jahr vor der verheerenden Niederlage der Amerikaner in Pearl Harbor, als Japan deren Pazifikflotte in einer Nacht- und Nebelaktion völlig vernichtete. Aus dem Luxusfrachter Fujikawa Maru wurde ein schwimmender Transporter für Flugzeugersatzteile und Motoren. Zusätzlich wurde sie am Oberdeck und auf dem Vorschiff mit Kanonen und einer Flak aufgerüstet, damit sie sich bei Luftangriffen wehren konnte. Allerdings war die Bewaffnung alles andere als modern. Flak und Kanonen stammten nämlich aus Uraltbeständen der Japanischen Marine und waren Überbleibsel aus dem Russisch – Japanischen Krieg. Bronzeinschriften auf den Kanonen geben für die Waffen das Herstellungsjahr 1899 an. Aber mit asiatischer Gründlichkeit wurde das Kriegsmaterial überholt und zum Teil so modernisiert, dass sie schließlich sogar über eine automatische Luftabwehr – Zieleinrichtung verfügten. Zusätzlich wurde das Schiff mit einem unsichtbaren, antimagnetischen Anstrich versehen, der als passiver Schutz gegen magnetisch ansprechende Seeminen dienen sollte.
Stationiert war die Fujikawa Maru zuerst in Indochina, von wo aus sie Flugzeugteile zu den Marschallinseln, Tarawa und den Karolinen brachte. Am 12 September 1943 wurde der Kriegsfrachter auf dem Weg von den Marschallinseln nach Truk durch ein amerikanisches U-Boot attackiert und von einem Torpedo getroffen. Der Einschlag erfolgte um 23 Uhr, 8,53° nördliche Breite und 165,12° südliche Breite. Trotz erheblicher Schäden erreichte das Schiff am 15. September 1943 Truk Lagoon. Dort schweißte man dicke Stahlplatten auf das Leck, die noch heute mittschiffs zu sehen sind. Nach der provisorischen Reparatur, begab sich die Fujikawa Maru zum Generalservice nach Japan, wurde dort zum Hauptfrachter für wichtige Kriegsgüter umfunktioniert.
Auf der Rückfahrt nach Truk im Jahre 1944 war die Fujikawa Maru nach Angaben eines japanischen Offiziers unter anderem mit 30 Torpedos vom Typ Kawasaki B5N2 beladen, die gegen die amerikanische Pazifikflotte eingesetzt werden sollten. Gelagert wurden die Torpedos auf dem Flugfeld von Eton, wo sie zum Einsatz kommen sollten. Doch die hierfür vorgesehenen Flugzeuge waren nicht funktionsfähig, da sie nur zum Teil zusammengebaut waren. So wurden diese zur leichten Beute amerikanischer Angriffsflieger, die Eton mehrmals bombardierten.
In Truk Lagoon wartete die Fujikawa Maru zusammen mit 60 anderen Schiffen auf ihren Einsatz. Aber es sollte ganz anders kommen. Keiner ahnte, dass die Amerikaner bereits auf dem Weg nach Truk waren und ihre Operation „Hailstorm“ (Hagelsturm) anlaufen ließen. Rache für Pearl Harbor, ein Angriffskrieg ohne Gnade nahm seinen Lauf. Am 17. Februar 1944 brach über Truk Lagoon die Hölle los. In einem totalen Vernichtungsfeldzug wurde die gesamte Vierte Japanische Flotte, die hauptsächlich aus Transport- und Versorgungsschiffen bestand, total vernichtet. Zwei Tage dauerte der Bombenhagel, über 3000 Japaner fanden den Tod. Truk wurde zur Lagune des Grauens, zum Friedhof der Geisterschiffe.
Auch die Fujikawa Maru wurde von Flugzeugen mit Bomben und von See aus mit Torpedos angegriffen. Die todbringenden Strike Je 1 Bomber starteten von den Flugzeugträgern Bunker Hill und Monterey. Ein Torpedo verfehlte sein Ziel und raste in das Riff, nahe dem Ort Eton, aber ohne zu explodieren. Ein anderer durchpflügte das Meer, ohne dass man sein Kielwasser sehen konnte. Er traf den Kriegsfrachter unmittelbar neben dem Mittelschiffaufbau und riss ein gewaltiges Loch in den Rumpf, Feuer brach aus. Langsam sank das Schiff, leicht geneigt mit dem Heck nach hinten. Um 14.30 Uhr setzte die Fujikawa Maru sanft mit dem Rumpf am Grund auf, stand perfekt wie auf einem Trockendock in 34 Metern Tiefe auf Sand, ein stählernes Mahnmal gegen den Irrsinn des Krieges, eine versunkene Leichenhalle im Pazifik..
Von der Besatzung überlebten nur wenige. Wer dort taucht, kann immer noch Waffen, Geschirr, Werkzeuge, Knochen und Schädel finden. Die Fujikawa Maru gilt, seit man dort tauchen darf, als das optisch schönste Geisterschiff der versenkten Versorgungsflotte. Kenner sprechen gar vom schönsten Wrack der Welt. Truk Lagoon wurde von den Japanern zum nationalen Schiffsfriedhof erklärt. Jegliches Entnehmen von Artefakten, Souvenirs und Fundstücken ist verboten. Wer erwischt wird, bekommt Tauchverbot und die Ausrüstung wird beschlagnahmt. Die jährliche Trauerfeier der Angehörigen zu Ehren der Kriegsopfer findet immer am 18. und 19. Februar statt.

Tauchen an der Fujikawa Maru

Zuerst fällt die große Kanone auf dem Vorschiff auf, die beim Abwehrkampf gegen angreifende Flugzeuge verwendet wurde. Auf der Plattform stehen noch zahlreiche Munitionskisten. Auf der Kanone weist eine Bronzeinschrift auf das Baujahr hin. Der vordere Laderaum ist ein hochinteressantes Tauchrevier. Dort befinden sich Handgranaten, Pulverfässer und MG-Munition. Daneben liegen Flugzeugteile wie Propeller, Flügel und MG`s. Manche der Flugzeugflügel sind allerdings schon stark korrodiert, so dass man nur die Gerippe sehen kann. Überall kleine Häufchen von 6-Zoll Munition. Die 50 eingelagerten Kanonengeschosse sind mittlerweile von einer dicken Sedimentschicht überzogen.
Im unteren Laderaum liegen viele Ersatzteile in wildem Durcheinander. Vermutlich sind sie durch die aufgesprungenen Klappen nach unten gefallen. Hier liegen auch Torpedos, Reifen, Kommunikationskabel und Schweißflaschen. Sehr attraktiv: Gegenlichtaufnahmen durch die zerklüftete Stahldecke. Das hintere Mastkreuz liegt etwa drei Meter unter der Wasseroberfläche und ist beeindruckend gut bewachsen. An ihm werden gelegentlich die Tauchboote befestigt. Eigenartigerweise fehlt der Ladekran, vielleicht wurde er in früheren Jahren geborgen. Bedenklich stimmt der marode Zustand des Vorschiffs. Starke Korrosion schwächt bereits die tragenden Teile, so dass in absehbarer Zeit dieser Bereich des Schiffes in sich zusammenfallen könnte.
Für die meisten Taucher könnte der zweite Laderaum zum Highlight avancieren. Hier liegen mehrere Kampfflugzeuge aufeinander. In den Kanzeln sieht man die Armaturentafeln, leider ohne Instrumente. Das Zuordnen der Teile zu den Flugzeugen ist schwierig, weil es sich um unterschiedliche Typen handelt. Wer in den dritten Laderaum eintauchen will, muss durch die Mannlöcher tauchen. Unbedingt eine Lampe mitnehmen, weil es dort wirkich dunkel ist. Da aber nur Fässer zu finden sind, lohnt das Risiko nicht. Seltsam: Holzstücke, die man dort findet, sind völlig intakt und nicht vermodert oder vom Salzwasser angegriffen.
Eine wahre Schatzkiste ist die mittschiffs gelegene Brücke. Sie ist gänzlich von Weichkorallen umgeben, besitzt offene Passagen zum Durchtauchen. Man findet Anemonenfische, Schwämme, Grundeln, Schleimfische und total intakte Steinkorallen in wunderschönen Formationen.
Auf der Steuerbordseite liegen viele Medizinflaschen sowie Bier und Schnapsbuddeln, die für das Offizierskorps vorgesehen waren. Taucht man auf dem Oberdeck durch die erste Tür auf der Steuerbordseite, gelangt man in die Küche. Ein großer Herd, Kasserollen, Pfannen und allerlei Küchenutensilien lohnen den Besuch. Backbordseitig erkennt man eine dunkle Passage. Hier befinden sich die Toiletten und Pissoires. Vorsichtig schwimmen, weil man Sedimente sonst aufwirbelt. Folgt man dem offenen Gang, gelangt man in den stockdunklen Maschinenraum. Unbedingt Lampe mitnehmen und vorsichtig schwimmen, wegen des Nebeleffektes der Trübstoffe, die allgegenwärtig sind. Warnung: Eine rein als Sporttaucher angelegte Aktivität ist hier fehl am Platz. Das ist etwas für entsprechend ausgebildete technische Taucher mit passender Tauchgangplanung.
Kolben, Zylinder, ein Flaschenzug, Instrumente, Stahlseile und eine Stahlwinde liegen herum. Daneben sind die ehemaligen Bäder gelegen, die Kacheln sind gut erhalten. Schwimmt man außen herum, gelangt man in die Offiziersunterkünfte. In der Offiziersmesse liegt überall Porzellan und eine kleine Handmühle. Die Japaner mahlten damit Korn und buken ihr Brot selbst. Elektrische Kabel, zwei Radios, zahlreiche Funkgeräte und ein Telegraph bieten dem Auge Abwechslung in einem Nebenraum. Auf der Außenseite der Brücke steht noch die Flack nebst Hunderten von Geschosshülsen. Die Besatzung muss sich verzweifelt gegen die übermächtigen Amerikaner gewehrt haben. Im Schornstein pulsiert ein gewaltiger Glasfischschwarm. Wählen Sie ein für eine Fotokomposition hier ein starkes Weitwinkel, der Blickwinkel von unten nach oben ist beindruckend, weil durch die Korrosionslöcher das Licht gebündelt nach innen fällt.
Am Heck liegt ein einzelner Flugzeugreifen. Das fast mittschiffs liegende Torpedoloch ist so groß, dass man bequem durchtauchen kann. Der Explosionsschaden ist gewaltig. Vermutlich wurde der Laderaum sehr schnell geflutet. Man kann durch die hinteren Laderäume hindurchtauchen. Überall liegen Küchengeräte, Militärgeschirr, Essstäbchen, Reisschalen, Flaschen und Schuhe. Ein kompletter Motor mit Propeller, eine Stahlkiste und ein Kompressor mit Flaschenbank füllen die Ecken aus. Zehn Gasladetanks mit CO2-Füllung waren zum Löschen von Feuer im Motorraum vorgesehen. Da die Flaschen nur noch halbvoll sind, ist zu vermuten, dass die Besatzung vor dem Untergang noch die durch den Torpedoeinschlag verursachten Brände löschen wollte.
Auf der Plattform steht noch die Achterkanone. Der Achtermast ist eine Augenweide für UW-Fotografen, insbesondere das Mastkreuz. Viele Fische, Weich- und Hartkorallen bieten eine formidable Kulisse für Gegenlicht- und Weitwinkelaufnahmen. Leider wird auch an dieser Stelle der Zustand des Schiffes zunehmend schlechter. Als nächstes wird vermutlich der Achtermast in sich zusammenbrechen. Schlecht ist für das Wrack insgesamt der Tauchbetrieb wegen der ausperlenden Luft, die den Korrosionsvorgang in den unteren Räumlichkeiten beschleunigt, weil sie sich in den Hohlräumen fängt. Prinzipiell gilt das für alle Wracks in Truk Lagoon: Irgendwann in naher Zukunft werden von ihnen nur noch einzelne Eisenhaufen übrigbleiben.

Technische Daten und historische Fakten

Name: Fujikawa Maru
Verwendungszweck: Frachtschiff mit Passagierkabinen
Gewicht: 6938 Tonnen
Länge: 32,6 m
Breite: 17,83 m
Höhe: 10 m
Max. Geschwindigkeit: 16 Knoten
Reisegeschwindigkeit: 14 Knoten
Motor: Mitsubishi-Sulzer Diesel
Stapellauf: 15. April 1938
Umbau: 1. Juli 1938
Kriegsdienst: ab 9. Dezember 1940
Einsatzzweck: Transporter für Flugzeugteile, Motoren und Torpedos
Gesunken: 18. Februar 1944 um 14.30 Uhr in Truk Lagoon
Hersteller: Mitsubishi Heavy Industries
Reeder: Toyo Kaiun

 

H. Frei