Plastikmüll im Mittelmeer – 14 Tage Spaß, 400 Jahre haltbarer Abfall

„Das Meer ist kein Funpark und das Mittelmeer darf keine Plastikmülldeponie werden!“ Fabienne McLellan, Leiterin des Plastikprogramms bei OceanCare

@ Giovanni Bearzi, Dolphin Biology and Conservation / OceanCare
Plastikmüll im Mittelmeer

Sie werden immer größer, es werden immer mehr und sie überdauern Hunderte von Jahren. Dutzende Plastikungetüme fischt der Meeresbiologe Dr. Giovanni Bearzi von der OceanCare-Partnerorganisation Dolphin Biology and Conservation innerhalb weniger Stunden in den Sommermonaten aus der Adria. Eine Windböe genügt und die knallbunten Plastiktiere treiben weit hinaus aufs Meer. „Was 14 Tage lang für Strandspaß sorgt, verschmutzt das Mittelmeer dann 400 bis 600 Jahre mit Plastikmüll,” sagt Bearzi. Die Fotos zeigen die Funde weniger Stunden eines Tages vor den Küsten der nordwestlichen Adria.

Mittelmeer gilt als der sechste Plastikstrudel der Welt

Jedes Jahr gelangen rund 9 Mio. Tonnen Plastik in die Weltmeere. Mittlerweile sind alle Ozeane von Plastikabfall betroffen. Zivilisationsmüll ist omnipräsent. Er findet sich an einsamen Stränden genauso wie am Meeresgrund der Antarktis. Millionen von Tonnen Plastikmüll treibt in fünf riesigen Müllstrudeln, der im Pazifik ist fast fünfmal so groß wie Deutschland. Wegen seiner Verschmutzungsdichte gilt das Mittelmeer als sechster Müll-Strudel. Jährlich landen rund 17.600 Tonnen Plastik im Mittelmeer. Dort treiben ständig mehr als 3760 Tonnen Plastikmüll im Wasser.

Plastik ist mehr als hässlicher Müll, der die Strände verschmutzt

Die Zahlen sind gravierend: Hunderttausende Delphine, Wale, Robben, Schildkröten und sogar Eisbären fallen dem Plastikmüll zum Opfer; die Zahl der verendeten Seevögel geht in die Millionen. „Geht der aktuelle Trend der Vermüllung ungebremst weiter, wird bis zum Jahr 2050 das Gewicht des Plastikmülls, der im Meer treibt, das der Fische übersteigen, die darin leben”, so OceanCare-Gründerin Sigrid Lüber.

Jedes Jahr finden aber Millionen Plastikeinwegartikel wie Kaffeebecher, Plastiktüten und Verpackungen ihren Weg ins Meer. Dort können Kunststoffe mit allen Ebenen des aquatischen Lebens interagieren. Fische und Krebse nehmen Mikroplastik. Im Gewebe von Muscheln konnten Entzündungen nachgewiesen werden. Größere Fische wie Haie, Thunfisch oder Schwertfisch nehmen die Plastikteilchen direkt, aber auch durch ihre Beutetieren zu sich. Schildkröten, Wale und Delphine wurden tot aufgefunden mit Mägen voller Plastikmüll. Sie verhungerten, weil sie Plastikteile fraßen und dachten, es sei Nahrung. Überall in den Ozeanen verletzen sich Tiere durch Plastik­abfälle. Oder sie verheddern sich in Abfällen und Geisternetzen.

Mikroplastik – wenn wir Fisch essen, essen wir sehr wahrscheinlich auch Plastik

Kunststoffteile, die kleiner sind als fünf Millimeter, heißen Mikroplastik. Dazu gehören kleine Plastikpellets, die die Basis vieler Kunststoffprodukte sind, die wir täglich nutzen und auch Plastikpartikel, die auch heute noch in der Kosmetikindustrie eingesetzt werden, in Peelings oder Zahnpasta. Ein Problem: Kleine Plastikteilchen wirken wie Schwämme, sie saugen gefährliche Schadstoffe aus dem Wasser auf. Plastik selbst ist aufgrund der schädlichen Additive auch toxisch. Meerestiere nehmen sie auf – kleinste Lebewesen genauso wie große Wale. Die Toxine sammeln sich entlang der Nahrungsnetze durch sogenannte Bioakkumulation und schaden den Tieren und gelangen über die marine Nahrungskette auch bis zu uns Menschen. Schadstoffreiches Mikroplastik ist so weit verbreitet, dass wir sehr wahrscheinlich auch Plastik essen, wenn wir Fisch essen.

 

Ilka Franzmann – communication manager OceanCare
@ Giovanni Bearzi, Dolphin Biology and Conservation / OceanCare