Sabine Kerkau: Das Wrack der Cape Clear im Roten Meer vor Ägypten

Es gibt sie: Unberührt tiefe Wracks im Roten Meer für technische Taucher

In den ersten zehn Jahren meiner Tauchkarriere konnte ich von Ägypten nicht genug bekommen. An die 30 Mal habe ich Tauchurlaube am Roten Meer verbracht, als recreational Diver. Das änderte sich schlagartig, als ich mit dem technischen Tauchen begann. Ich entdeckte meine Leidenschaft für die tiefen unberührten Wracks. In Ägypten fand ich von da an nicht mehr was ich suchte. Der Massentourismus an den bekannten Wracks stiess mich derartig ab, dass ich Ägypten aus meiner Reiseliste radikal verbannte. Viele Jahre gab es keinen Grund diese Entscheidung zu überdenken.

Doch man soll niemals nie sagen. Per Zufall las ich eine Ankündigung für eine Reise die mich neugierig machte. „Die Zeit der grossen Entdeckungen ist noch nicht vorbei!“ „Omneia Tauchen und Reisen bietet eine Entdeckertour zu den fast unbetauchten Wracks im Norden des Roten Meeres.“

Gesucht wurden fortgeschrittene Taucher die Lust auf unbekanntes haben. Als maximale Tiefe wurden 62 Meter angegeben. Das klang doch recht spannend. Tatschlich fanden sich auf der Liste der geplanten Wracks einige Namen die ich nicht kannte. So nahm ich mit dem Veranstalter Kontakt auf, um weitere Informationen zu erhalten. Das Feedback war so positiv, dass beschloss, Ägypten noch einmal eine Chance zu geben.

Die Vorbereitung der Tour war nicht ganz einfach. Mein Wunsche den Rebreather mit ans Rote Meer zu nehmen, kostete dem Team des Veranstalters einiges an Nerven. Gerne hätten sie mich überzeugt, die Tauchgänge mit Doppelgerät und Stage zu machen, das war für mich aber keine Option. Doch am Ende schafften sie es, alles zu meiner vollsten Zufriedenheit zu organisieren.
Dann gibt es kein Zurück mehr, der Tag der Abreise ist da und ich bin mir überhaupt nicht mehr so sicher, dass diese Reise eine gute Idee ist.

Das Chaos an den Visa Ausgabestellen im Flughafen von Hurghada hat sich auf jeden Fall in den letzten Jahren nicht geändert. Sonst verläuft die Anreise reibungslos. Die Fahrt zum Hafen dauert nicht lange und der erste Eindruck vom Schiff ist gut.Moni Hofbauer begleitet viele ihrer Touren persönlich und man merkt vom ersten Augenblick, dass sie ein Vollprofi im besten Sinn ist. Das Schiff, die Crew und die gesamte Organisation sind erstklassig. Ich bin sehr angenehm überrascht, da hat sich in den letzten 10 Jahren einiges verändert.

Nach und nach treffen die anderen Gäste ein, viele sind „Wiederholungstäter“ und haben schon die eine oder andere Tour mit Moni gemacht. Ich lausche ihren Erzählungen und stelle fest, dass es einige sehr erfahrene Taucher in der Gruppe hat. Eins ist jetzt schon klar, das wird in vielerlei Hinsicht eine spannende Woche.

Am Morgen des ersten Tauchtags herrscht, wie bei jeder Safari, zunächst noch etwas Chaos auf dem Tauchdeck. Auf allen verfügbaren freien Flächen stehen grosse 50 Liter Flaschen mit Sauerstoff und Helium. Stageflaschen und Doppelgeräte müssen noch montiert und sicher verstaut werden. Für einige der geplanten Tauchgänge sind Stageflaschen mit höheren Nitrox Gemischen einfach Pflicht. Moni und Ashraf haben im Vorfeld sichergestellt, dass alle Taucher über die dafür notwendige Ausbildung verfügen. Alles verläuft sehr professionell.

Am frühen Vormittag können wir unser erstes Wrack ansteuern. Moni plant einen Checktauchgang an der Ghannis D. Das Wrack habe ich das letzte Mal vor 20 Jahren betaucht. Am Tauchplatz angekommen müssen wir unsere Pläne ändern, da an der Ghannis D schon mehrere Boote festgemacht haben. Unser Checktauchgang findet deshalb an der Chrisoula K statt. Das Wrack liegt auf maximal 29 Meter Tiefe und ist sicher millionenfach betaucht worden. Leider gibt es kaum noch Bewuchs.

Für einen Checktauchgang ist das Wrack in Ordnung. In den Laderäumen kann noch die Fracht, italienische Fliesen, bestaunt werden. Nach 90 Minuten beende ich meinen Tauchgang mit einem leider komplett gefluteten Trockentauchanzug. Um aufs Boot zurück zu kommen muss ich meinen Rebreather im Wasser ablegen. Die Crew ist sofort zur Stelle, um zu helfen. Sie haben auch schnell eine Lösung für meinen undichten Trockentauchanzug gefunden. Einen zweiten Tauchgang kann ich allerdings heute vergessen. Spätestens beim Briefing bin ich darüber fast erleichtert. Der zweite Tauchgang an diesem ersten Tag soll uns zum Wrack der Thistlegorm führen. Die Thistlegorm zählt nun wirklich nicht zu den beinahe unbetauchten Wracks, warum wird sie auf dieser Tour trotzdem angefahren? Moni erklärt mir, dass wir auf dem Weg nach Norden nicht viele Möglichkeiten haben. Entweder wir fahren direkt und haben an diesem Tag keinen zweiten Tauchgang oder es ist eben die Thistlegorm und wir fahren über Nacht zum eigentlichen Ziel dieser Tour, dem Wrack der Cape Clear.

Unsere Fahrt in den Golf von Suez dauert 7 Stunden. Wir erreichen unser Ziel am frühen Morgen des zweiten Tauchtages. Die Bedingungen am Tauchplatz sind gut. Das war Moni´s grosse Sorge. Die Cape Clear liegt mitten im Golf von Suez und es gibt für unser Schiff nirgends eine Möglichkeit vor Wind und Welle Schutz zu suchen.

Der Kapitän gibt sein OK und Ashraf legt die erste Leine runter zum Wrack. Das Deck der Cape Clear befindet sich in 55 Meter Tiefe. Als er zurück kommt berichtet er, dass über dem Wrack eine sehr starke Strömung herrscht. Moni und Nil legen zur Sicherheit eine zweite Leine. Moni plant für heute zwei Tauchgänge zum Wrack. Ich bekomme von ihr das OK für einen langen Tauchgang.
Alles verläuft einwandfrei. Wir tauchen direkt vom Boot, nicht vom Zodiak. Ich nutze das Seil, das direkt von der Taucherplattform zum Deck der Cape Clear führt. Das Wasser ist etwas milchig und voller Schwebeteilchen, trotzdem ist es am Wrack hell und die Sichtweite beträgt sicher 10 bis 15 Meter. Die Abstiegsleine bringt mich zum Heck des Wracks. Inzwischen hat die Strömung etwas nachgelassen. Staunend schwebe ich über das Deck dieses 134 Meter langen und 17 Meter breiten Frachtmotorschiffes.

So muss sich Jacques Cousteau gefühlt haben als er die Thistlegorm entdeckte. Das majestätische Wrack, das aufrecht auf dem Sandgrund steht, ist wundervoll bewachsen und unzählige Fischschwärme tummeln sich zwischen den Aufbauten. So etwas habe ich selbst vor 25 Jahren in Ägypten nie gesehen. Ich bewege mich langsam Richtung Heck und entdecke eine Bordkanone und die Waschräume mit den Toiletten. Die Laderäume sind leer. Nach 50 Minuten am Wrack beginne ich meinen Aufstieg. Die Deko ist nicht ganz so gemütlich, inzwischen hat die Strömung im flacheren Bereich wieder zugenommen und auch der Wind ist stärker geworden. Die beiden Leinen, mit denen unser Schiff an der Cape Clear befestigt sind, müssen einiges aushalten. In der letzten Minute meiner Dekozeit gibt eine der Leinen nach und reisst. Nun heisst es Boje setzen und sich von den Zodiakfahrern aufsammeln lassen. Zum Glück bekommen das alle hin. In solchen Situationen zeigt sich die Professionalität der Besatzung und des Expeditionsleiters. Mein Kompliment an Moni und die Crew, sie haben diese Situation perfekt gemeistert.

Aus Sicherheitsgründen beschliesst der Kapitän, sich einen geschützten Ankerplatz in Land Nähe zu suchen. Wir fahren Richtung Ras Gharib. Wir wollen in der Nähe der Wracks SS Scalaria und MS Aboudy übernachten. Die beiden Wracks liegen nur wenige 100 Meter auseinander in 10 Meter Tiefe auf Sandgrund. Moni schwärmt von den fantastischen Nachttauchgängen, die sie an diesen sehr wenig betauchten Wracks gemacht hat. Zu unserer Überraschung müssen wir dann am besagten Tauchplatz aber feststellen, dass es diese Wracks dort nicht mehr gibt. Keiner weiss warum, aber ein Wrack wurde eine Woche vor unserer Tour gehoben und beim zweiten sind sie gerade dabei. Das bringt unsere weiteren Pläne ganz schön durcheinander.

Unser dritter Tauchtag beginnt vielversprechend. Wir können noch einmal zur Cape Clear zurückkehren. Wenn auch die Prognosen für den Nachmittag und die nächsten Tage nichts Gutes melden. Für den Nachmittag ist starker Wind angesagt, aus diesem Grund beginnt das Briefing für den ersten Tauchgang um 6:00 Uhr in der Früh. Die Crew hat inzwischen eine neue Leine zum Wrack gelegt. Die Tauchbedingungen haben sich im Vergleich zum Vortag deutlich entspannt.

Mir bleibt Zeit dort unten und ich geniesse diesen Tauchgang ohne Strömung und mit richtig viel Licht am Wrack. Ganz in Ruhe kann ich mir die Cape Clear vom Heck bis zum Bug ansehen. Am Ende bleibt mir sogar noch die Zeit einen Blick in den Maschinenraum zu werfen. An diesem Wrack könnte ich noch viele Tauchgänge machen und es wäre ein guter Grund, wieder nach Ägypten zu kommen.

Leider müssen wir uns nun von der Cape Clear verabschieden denn die Prognosen haben Recht behalten. Das Wetter wird zunehmend schlechter. Moni läuft mit Mütze, langer Hose und Fleece Jacke übers Schiff, es ist wirklich ungemütlich draussen. Dafür verwöhnt uns die Küche am Abend mit einem wunderbaren Essen. Es gibt Steak, Grillkartoffel, Oktopus und Salat. Über die Verpflegung gibt es wirklich keinen Grund zur Klage.

Fazit der Tour: Es war eine schöne Tour und die Cape Clear lässt das Herz jedes technischen Wracktauchers höher schlagen.

Wrackdaten
Cape Clear: Die Cape Clear ist 134 Meter lang und 17 Meter breit. Sie steht aufrecht auf Sandgrund, die maximale Tiefe beträgt 62 Meter und die minimale Tiefe liegt bei 40 Meter. Das Frachtmotorschiff wurde im August 1940 in Dienst gestellt. Im Sommer 1944 kollidierte sie mit der Henry Dearborn und sank. 2007 wurde die Cape Clear zufällig entdeckt. Der Anker des Safarischiffes Turkia verfing sich im Wrack der Cape Clear. Taucher wollten den Anker befreien und entdeckten dabei das Wrack.

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Sabine Kerkau

Sabine Kerkau: Das Wrack der Cape Clear im Roten Meer vor Ägypten