Ganz ehrlich, bereits als Auszubildender im Fotografenhandwerk Mitte der 70er Jahre musste ich ganz ohne KI Bildergebnisse manipulieren und das sehr zum Wohlgefallen der Kunden im Portraitatelier und im ausdrücklichen Auftrag des Meisters. So wurden auf dem Negativ Fältchen und Falten geglättet, ein wahrer Jungbrunnen sprudelte aus meinem Bleistift in die Gesichter der vielen Personen, die meistens schon zur Begrüßung klar machten, sie gingen lieber zum Zahnarzt, als zum Fotograf. Sehr motivierend. Manche bekamen dann ihre Portraits 1:1 realitätsnah mit, die meisten anderen aber dann doch dankbar um 10 – 15 Jahre verjüngt.
Hand anzulegen an Bildergebnisse ist nahezu so alt, wie die Fotografie selbst. Die besten Beispiele sind die nachträglich kolorierten Schwarz/Weiß – Fotos, denn der Wunsch farbige Bilder von privaten Momenten oder geschichtsträchtigen Ereignissen zu besitzen, erwuchs schon sehr früh.
Aber gibt es überhaupt ansehnliche Fotos, ohne irgendeine Art der Manipulation? Es gibt sie natürlich die „Schnappschüsse“, bei denen zufällig einfach alles stimmt, vom Motiv, dem Licht, der Belichtung, der Schärfe, der Bildwirkung und Bildaussage. Hier gibt es tatsächlich Fotografen, die es schaffen, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein und intuitiv Bilder festzuhalten, für die jede Art der verändernden Nachbearbeitung überflüssig ist. Ich traue mir aber zu behaupten, dass selbst solche großartigen Fotos mit KI noch mehr Flair bekommen würden.
Und es gibt die intensiv durchorganisierten Bildmomente, vor allem in der Landschafts- und Architekturfotografie, in denen als Ergebnis langer Recherche nichts dem Zufall überlassen wird und der Augenblick der Belichtung minutiös feststeht – wenn das Wetter mitspielt.
Dass die Modefotografie vielleicht die Sparte der am meisten manipulierten Bildergebnisse anführt, dürfte wohl niemand in Abrede stellen. Nur ist das hier eben schon seit langer Zeit unhinterfragt geduldet. Da agieren Models etwa vor atemberaubenden Hintergründen in freier Natur, die sie selbst nie gesehen haben. Eine Liste der Beispiele wäre unendlich.
Was ich in meiner Abschlussprüfung noch mit Bleistift und Skalpell am Negativ eingesetzt an Retuschefähigkeit zeigen musste – damals hieß Bildmanipulation noch Retusche und es gab den eigenen Beruf des Retuscheurs – gehört als sicherer Umgang mit Photoshop seit Jahren bei Auszubildenden im Fotografenhandwerk einfach dazu. Da werden keine Filme mehr entwickelt, Vergrößerungen in der Dunkelkammer angefertigt. Die fertigen Vergrößerungen kommen aus dem Fotodrucker in unglaublicher Qualität.

Bild 6-7 GoPro 1 aus Videobild
Bild 8 KI
Bild 9-10 GoPro 1 aus Videobild
Aus Filmen wurden Dateien. Und je nach digitalem Aufnahmeformat unterscheiden sich die Dateien vor allem in der Menge unsichtbarer Informationen, die ein automatisch generiertes jpg File nur in einer geringen aber dennoch ansehnlichen Schnittmenge präsentiert. Da ist also wesentlich mehr drin, in den Lichtern, den Schatten, Farben.
RAW heißt das Zauberwort. Eine raw-Datei (Rohdatenformat) ist ein von Digitalkameras erstelltes, unbearbeitetes Bildformat, das alle Sensorinformationen unkomprimiert speichert. Es fungiert als „digitales Negativ“ mit maximalem Detailgrad, erfordert jedoch eine Nachbearbeitung (Entwicklung) in einem RAW-Konverter. RAW-Dateien bieten höhere Bearbeitungsspielräume, sind aber deutlich größer als JPEGs. RAW und KI sind natürlich beste Freunde, weiß man damit umzugehen.
Leider hatte sich mit dem Wachstum der digitalen Fotografie so ein „Grauzonen Halbwissen“ etabliert, das selbst die damaligen „Experten“ der zuständigen Fachabteilung eines großen deutschen Tauchverbands dazu hinreißen ließ, bei einem Life – UW-Fotowettbewerb nur die RAW Dateien zur Jurierung anzuerkennen. Ich kritisierte das als Fachmann journalistisch und öffentlich als Kompetenzmangel, was dazu führte, dass man mich deshalb verklagen wollte. Dem sah ich sehr gelassen entgegen, es passierte aber nichts. So viel zu „Experten“.
Vor KI hatte sich aber noch HDR als bildmanipulierende Technik eingeschlichen. HDR (High Dynamic Range) ist eine Technologie für Bildschirme und Fotos, die einen höheren Kontrastumfang und mehr Farbinformationen als Standardbilder (SDR) bietet. Es sorgt für lebendigere, realistische Darstellungen mit helleren Lichtern und detaillierteren Schatten. So beschreibt die KI von Google HDR, wobei ich klar bei realistischer Darstellung eingrätsche. Das, was HDR für Fotos manipuliert als Ergebnis liefert, ist in der Regel völlig übertrieben und realitätsfern. Ja, hat was, doch so sieht man es als Betrachter selbst nie in der Natur.
Was den weltweit führenden Smartphone – Knipsern völlig egal ist, stößt bei engagierten Tauchern, die hochwertiges Fotoequipment mit sich führen, grad etwas sauer auf. Ich sage hier bewusst nicht UW – Fotografen, denn die Berufsbezeichnung Fotograf ist in Deutschland geschützt und darf nur von im Fotografenhandwerk ausgebildeten Personen geführt werden. Und tatsächlich gibt es nur sehr wenige UW-Fotografen, die sich so bezeichnen dürfen. Kurt Amsler gehört dazu und der leider bereits verstorbene Dietmar Reimer, ein echter Pionier.
Aber ist KI ein Killer? Werden hier Grenzen verschoben, der technische Einsatz und die Kreativität, die zum Bildergebnis führen, ausgehöhlt? Darauf gibt es eine Reihe von Antworten, die dem Thema Unterwasserfotografie angepasst sind und deutlich machen, was letztlich allen Freude macht. Denn das Ergebnis zählt, es hat nie jemand bei der Betrachtung eines Bildes hinterfragt, wie schwierig oder einfach war es das zu realisieren. Und davon könnte ich als Fotograf und Kameramann einige traurige Lieder singen…
Lassen Sie mich nochmals in meine berufliche Historie zurückblicken. Nach meiner Ausbildung zum Fotograf und einiger Zeit der Festanstellung im großen, renommierten Studio in München, wurde ich von LEICA abgeworben. Ich fühlte mich geschmeichelt, denn das war die allererste Weltmarke der Kleinbildfotografie und für mich unerschwinglich. In meiner Tätigkeit dort hatte ich sehr viele Kontakte zu Besitzern von LEICA Kameras, die schlicht keine Ahnung von Fotografie hatten, denen nur das Statussymbol vor dem Bauch hängend wichtig war. Ganz schwieriges Klientel, für die eine Rolex entweder zu klein oder zu teuer war. Es war ein unerwarteter Lernprozess.
Ich wechselte zur Filmproduktion eines großen ARD Senders und war schon kurz darauf weltweit unterwegs im Kamerateam zur Realisation hochwertiger Dokumentationen. Zeitgleich verwandelte ich meinen schon sehr lange gehegten Wunsch eine Tauchausbildung zu absolvieren in die Wirklichkeit. Eins war klar, unter Wasser wollte ich nur entspannen, es war nie geplant, eine Kamera mitzunehmen. Sag niemals nie.
Die Redaktion eines Tauchmagazins aus Hamburg, für das ich als freier Mitarbeiter schrieb, legte mir nahe, noch mehr veröffentlichen zu können, könnte ich eigene UW-Fotos dazu lieferte. Es kam, wie es kommen musste, die heute legendäre NIKONOS V mit verschiedenen Objektiven und Blitzgerät wurde fester Bestandteil meiner Tauchgänge. Und es war eine harte und teure Zeit (Filmverbrauch….), damals zu akzeptabel guten Ergebnissen zu gelangen. Frust und Euphorie spielten in der selben Liga. Mein professioneller Anspruch ist nachvollziehbar hoch. Aber zu dieser Zeit begegneten mir bereits die Taucher, die sich mit einer NIKONOS lediglich schmückten und die direkte Beobachtung ihrer fotografischen Vorgehensweise machte klar, dass das nie zu einem herzeigbaren Bild führen kann. Gott sei Dank, konnte das nicht gleich an einem Kameramonitor angesehen werden und mir als DAS SUPER BILD präsentiert werden, dem ich als Profi unter dem heftigen Schlag auf meinen Rücken zuzustimmen hätte. Das kam dann erst später. Lassen Sie es mich als das LEICA 2 Syndrom bezeichnen.
Parallel entwickelte sich die Szene der UW – Gehäusebauer, Deutschland und Österreich war führend. Da konnten dann Spiegelreflexkameras sicher verpackt auf Tauchstation gehen. Mit allem Drum und Dran. Hochwertig. Und das beflügelte eben auch eine Menge derer, die dem LEICA 3 Syndrom folgend glaubten, dass ihnen am Tauchplatz, dem Tauchboot höchste Anerkennung gezollt würde und so ihr Ego deutlich aufpolierte.
Ich habe viele Jahre lang mit umfangreicher UW – Fototechnik weltweit produziert, Foto, Film und Video. Sobald die Digitaltechnik aus den Kinderschuhen entwachsen war, habe ich natürlich manipuliert. Wie viele Stunden habe ich am Monitor gesessen, um die weißen Schwebeteilchen aus einem Bild zu entfernen, das einen Spitzenplatz in meinem Archiv verdiente. Nicht einmal, nicht zweimal, unfassbar oft. Und das macht KI heute in wenigen Sekunden.
Ja, diese Motive verdienten meine intensive Zuwendung teils über Stunden. Denn mit keinem Trick der Welt wäre es möglich gewesen, dieses Bild im Freiwasser ohne Planktonnebel realisieren zu können.
Um ein atemberaubendes UW-Foto einzufangen ist es zwar auf der Seite des Fotografen vielleicht vorteilhaft, ein sperriges und durchaus Aufmerksamkeit erregendes Equipment mit sich zu führen, das den Gegenwert eines Kleinwagens spiegelt, aber, ist es immer erforderlich?
Wenn ein Wal einen Taucher in seinen Rachen einsaugt, ist es nicht die Frage des Fotoequipments, mit dem dieses Bild dokumentiert wird, es ist der Zufall, der dieses Ereignis generiert. Da müssen ein Wal und zwei Taucher mitten im Meer unabgesprochen ein Meeting haben. Das ist unplanbar, für alle drei.
Ich habe mich selbst mittlerweile davon frei gemacht, unhandliches Fotoequipment unter Wasser an mich zu binden. Seit ein paar Jahren sind hochwertige ACTION CAMS – nein, nicht GoPro – meine Begleiter und es werden in 4K Videos aufgezeichnet. Nicht nur ein zufälliges Bild, 50 Bilder pro Sekunde, gestochen scharf. Und jedes Einzelbild, falls erforderlich mit KI im Finish, kann mehr ausdrücken und sichtbar machen, als die LEICA 3 Gilde für möglich hält.
Ich habe Ihnen hier einen überschaubaren Überblick zum Thema KI und UW – Bildergebnisse zusammengestellt. Die wenigsten der seit vielen Jahren weltweit erfolgreichen UW-Fotografen wird das Thema kaum interessieren wie eine Eiche, an der sich ein Wildschwein den Rücken schabt.
Die Möglichkeiten mit KI aus einem zunächst belanglosen Motiv (Sichtweite, Plankton, Farbstich usw) etwas ansehnliches herauszuarbeiten, ist für mich positiv erstaunlich. Mit den KI-Bildergebnissen muss verantwortungsvoll umgegangen werden. Wird ein stark von KI bearbeitetes Bild veröffentlicht, ist aus meiner und der redaktionellen Sicht deutlich und klar darauf hinzuweisen. Werden lediglich Schwebeteile, Bildrauschen, die Schärfe, der Kontrast, Lichter und Schatten beeinflusst, sehe ich keine Probleme. Mit KI geht’s halt schneller und präziser. Werden aber wesentliche Teile des Originalbildes entfernt oder durch etwas anderes ersetzt, Fischschwärme, bunte Korallen oder eine Schule Tümmler hinzugefügt, dann ist es keine Fotografie mehr sondern das Ergebnis eines Grafikdeigners.
KI bietet in der Bildbearbeitung jedenfalls so viele Möglichkeiten das Originalbild zu verändern, dass UWW keinen UW-Fotowettbewerb mehr veranstalten wird. Das PDF der Teilnahmebedingungen wäre dicker als die Bibel und die Arbeit der Bildredaktion, die die eingereichten Bilder auf Manipulationen überprüfen müsste, unzumutbar.
Epilog
Wer einfach von schönen Unterwasserbildern begeistert werden möchte, wird hier nicht laut protestieren, auch wenn er zwischenzeitlich in irgendeine wasserdichte Cam investiert hatte, weil auf deren Verpackung meisterhafte UW-Bilder abgedruckt waren, die natürlich unterschwellig versprachen, das kann man nun selbst realisieren. Betrug. Ja. Aber wer klagt an? Wir User sind ja nur zu blöd…..
Wer jammern muss sind drei Betroffene: Bildagenturen, Influencer und so genannte Reisejournalisten, dazu auf die Abmahnung von Bildrechten spezialisierte Kanzleien.
Mit den Möglichkeiten der KI Bildgenerierung muss kein Influencer oder „Tauchsport – Reisejournalist“ auf die teure und umweltbelastende Reise geschickt werden, um vor Ort die Schönheit der Destination „zu recherchieren“. Diese „journalistischen“ Outputs sind mittlerweile ohnehin – ich sags offen – wertlos, denn seit Jahrzehnten ist das nur ein von Dritten bezahlter Urlaub. Punkt.
Wer zahlt schafft an und es wird alles unter den Tisch gekehrt, was das ach so tolle Bild der Destination trüben könnte. Das habe ich sehr oft erlebt und es wurde von mir keine einzige Story publiziert, die irgendetwas schönfärben musste. So kam es auch nie zu einem Tauchreiseführer Mallorca, obwohl er von einem Verlag bereits beauftragt war. Die Kosten vor Ort trug ich selber.
Ein paar Bilder der vorzustellenden Destination über Wasser genügen heute, den ganzen Quatsch der zeitnah produzierten Unterwasseraufnahmen kann man sich sparen, denn das Szenario wird ohnehin kein Gast des Tauchschiffs, der Basis, des Resorts je selbst erleben. Ein Pressetext dazu und gut ist es. Es muss ohnehin mittlerweile deutlich gekennzeichnet werden, wenn eine „Reisereportage“ gesponsert wurde. Und die Expertise von irgendwelchen Tauchreisefuzzis in einem Printmagazin hat heute keine Bedeutung mehr, da sind noch nicht alle aufgewacht, die den Geldbeutel aufmachen müssen.
Online – Bildagenturen sind grad noch in der Lage, mit Unterwasserbildern und relevanten Themen (Wale, Haie, Wracks usw.) deutlich gesunkene Anfragen zu bedienen. Das ist aber durch KI auf dem Kipppunkt, braucht eine Redaktion ein zum UW Thema passendes Bild, egal ob Wal oder Taucher, die KI macht das nahezu kostenlos in Sekunden. Warum also erst ewig in den Bildbeständen einer Bildagentur herumsuchen? Das ist nicht Zukunft, es ist Gegenwart. Und es trocknet die Abmahnkanzleien aus.
Michael Goldschmidt
UWW, Michael Goldschmidt, KI
