Seit über acht Monaten hält sich ein solitär lebender Großer Tümmler, genannt Mimmo, in der Lagune von Venedig auf – unmittelbar vor einer der meistbesuchten Kulissen Europas. Eine neue wissenschaftliche Studie warnt vor erheblichen Risiken durch Bootsverkehr und menschliche Annäherung und fordert klare Schutzmaßnahmen sowie ein verantwortungsvolles Verhalten der Öffentlichkeit, um das Überleben des Delfins zu sichern.
Venedig, eines der meistbesuchten Reiseziele der Welt, beherbergt seit über acht Monaten einen außergewöhnlichen Gast: Einen Großen Tümmler (Tursiops truncatus), Mimmo, der sich dauerhaft in den Gewässern der Lagune von Venedig aufhält und regelmäßig nahe der Piazza San Marco gesichtet wird. Während die Präsenz des Delfins große öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt, wächst unter Fachleuten die Sorge um seine Sicherheit. Vergleichbare Fälle solitär lebender Delfine endeten in der Vergangenheit nicht selten tödlich – häufig infolge menschlicher Annäherung, Störung oder Bootsverkehrs.
Eine aktuell in Frontiers in Ethology veröffentlichte wissenschaftliche Studie fordert deshalb gezielte Schutzmaßnahmen für den Delfin Mimmo. Die Autoren analysieren sein Verhalten, dokumentieren die Risiken seines Aufenthalts in einem stark frequentierten urbanen Küstengewässer und plädieren für die konsequente Einhaltung bestehender italienischer und internationaler Schutzbestimmungen. Zudem empfehlen sie die Ausarbeitung eines spezifischen Maßnahmen Plans, um die Sicherheit des Tieres zu gewährleisten.
Ungewöhnlicher Langzeitaufenthalt
Große Tümmler sind zwar im Adriatischen Meer heimisch, doch das Vordringen in die Lagune von Venedig ist ungewöhnlich – ein monatelanger Verbleib noch mehr. Mimmo wurde erstmals im Juni 2025 gesichtet und hält sich seither kontinuierlich in der Lagune auf. Forscher der Universität Padua sowie des Naturhistorischen Museums Venedig überwachen das Tier regelmäßig. Nach aktuellen Einschätzungen befindet sich der Delfin in gutem Ernährungs- und Gesundheitszustand und profitiert von einem reichhaltigen Nahrungsangebot, insbesondere Meeräschen, in den Lagunengewässern.
Gleichzeitig ist das Risiko hoch. Zur Minimierung von Störungen entwickelte das Forschungsteam einen Verhaltenskodex: Boote sollen einen Mindestabstand von 50 Metern einhalten, keine abrupten Kurs- oder Geschwindigkeitsänderungen vornehmen, nicht rückwärtsfahren und geltende Tempolimits strikt befolgen. Die Öffentlichkeit wird ausdrücklich aufgefordert, sich dem Tier nicht zu nähern, es weder zu berühren noch zu füttern und keine Gegenstände ins Wasser zu werfen.
Erste Verletzungen dokumentiert
Trotz dieser Empfehlungen kam es zu wiederholten Annäherungen durch Boote und Einzelpersonen. Im November wurde Mimmo mit Verletzungen gesichtet, die womöglich von einer Kollision mit einer Schiffsschraube herrühren. Behörden versuchten daraufhin, das Tier aus dem Bereich nahe des Markusplatzes zu vertreiben. Obwohl diese Intervention zunächst Wirkung zeigte, kehrte der Delfin kurze Zeit später zurück und belegt, die Inneffizienz einer solchen Maßnahme.
Besondere Vulnerabilität solitär lebender Delfine
Laetitia Nunny, Senior Science Officer bei OceanCare und Expertin für solitär lebende Delfine, begrüßt die Veröffentlichung und Schlussfolgerungen der Studie und betont die besondere Gefährdung sogenannter solitär lebender Individuen: „Solitär lebende Delfine tragen ein erhöhtes Risiko für Schiffskollisionen, da sie über längere Zeiträume die Nähe zu Menschen und Booten suchen oder tolerieren. Zeitgleich mit den ersten Sichtungen in Venedig verstarb in Spanien der langjährig bekannte solitär lebende Delfin ‚Confi‘ infolge einer mutmaßlichen Propellerverletzung. Es ist entscheidend, dass sich ein solcher Verlauf hier nicht wiederholt.“
Schutz durch Koexistenz statt Verdrängung
Die Autoren diskutierten zudem mögliche Vertreibungsmaßnahmen, darunter akustische Abschreckungssysteme sowie das Einfangen und Umsiedeln. Aus ökologischen und ethischen Gründen wurden diese Optionen jedoch verworfen. Die Studie kommt zum Schluss, dass die angemessenste Strategie darin besteht, die Präsenz des Delfins zu akzeptieren und konsequent auf Schutz, Aufklärung und verantwortungsvolles Verhalten zu setzen.
Der Hauptautor Giovanni Bearzi ordnet die Situation in einen größeren ökologischen Zusammenhang ein: „Der Delfin in der Lagune von Venedig versucht unter anspruchsvollen Bedingungen zu überleben. Die nördliche Adria ist stark überfischt, viele Lebensräume sind erheblich beeinträchtigt. Es überrascht daher nicht, dass ein nahrungsreiches Gebiet wie die Lagune von Venedig einen Delfin anzieht. Entscheidend ist nun, dass wir lernen, mit diesem Wildtier zu koexistieren – mit Umsicht, Respekt und wissenschaftlich fundierten Maßnahmen.“
Pressemeldung OceanCare / Nicolas Entrup
Venice© Luca Ceolotto_Department of Comparative Biomedicine and Food Science, University of Padova, Italy zur PM von OceanCare
