Editorial

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Liebe Leserinnen und Leser,

mein aktuelles Befinden pendelt zwischen nachdenklich, irritiert und überrascht. Und zwar dann, wenn ich mich mit dem eigenartigen Todesfall eines Tauchers im Walchensee (Oberbayern) am 6. Oktober befasse. Für mich fast schon ein Krimi.

Es ist ein wunderschöner Herbsttag, milde Temperaturen, Sonnenschein, ein Samstag, der viele Erholungssuchende an den Walchensee zieht. Wanderer, Spaziergänger, Wassersportler wie Taucher und Standup Paddler.

Einige Taucheinstiege sind nur zu Fuß erreichbar, da die Staatsstraße lediglich von Anliegern befahren werden darf. Das ist in Ordnung, Parkplätze gäbe es ohnehin keine. Wer hier an den Steilwänden  tauchen möchte, mietet sich ein Tretboot oder befördert das Equipment mit einem Handkarren zum Ziel.

Ein 56-jähriger Münchner macht sich im Auto seiner Partnerin schon sehr früh auf den Weg nach Urfeld. Es ist noch dunkel in der bayerischen Landeshauptstadt, als er etwa um 5 Uhr früh aufbricht. Auf dem kürzesten und schnellsten Weg legt man die etwa 80 Kilometer bis zum See in 70 Minuten zurück. Zu so früher Stunde sind die Straßen frei, man kommt gut voran.

Vor Ort muss das Tauchgerödel etwa 2 Kilometer zu Fuß zum Einstieg gebracht werden. Das mag alles in allem eine Stunde gedauert haben, bis der Tauchcomputer gegen 7:30 Uhr aktiv wird. Es ist noch dämmrig am Fleckerlspitz, denn Sonnenaufgang war erst um 7:21 Uhr und bevor sich die Sonne über die Bergrücken schiebt, dauert es noch eine ganze Weile, bis sie den See erreicht.
Unter Wasser ist es also noch dunkel, das Szenario entspricht mehr einem Nachttauchgang als einem Early Morning Dive. Zumal die im Computer aufgezeichnete maximale Tauchtiefe über 70 Meter beträgt.

Nach 30 Minuten ist der Tauchcomputer wieder bei 0 Meter Tiefe angelangt. Ein Toter treibt ufernah im See, ein Taucher. Was hält einen voll ausgerüsteten Gerätetaucher an der Oberfläche? Richtig, sein befülltes Jacket.

Es ist jetzt 8:00 Uhr, die ersten Frühsportler machen sich auf den Weg, schnellen Fußes die so gut wie unbefahrene Staatsstraße zu nutzen. Die Sonne blitzt über den Bergkamm, ein goldener Oktobertag beginnt sich zu entfalten.

Mit steigender Sonne kommen immer mehr Erholungssuchende in den Bereich des Fleckerlspitz, an Land, im Wasser. Auch Taucher sind dabei. Und niemand bemerkt den leblos im Wasser treibenden, voll ausgerüsteten Taucher.

Hat ihn wirklich niemand bemerkt, gab es da jemand, der zwar etwas sah, aber keinen Bock auf Scherereien hatte, der dem eigenen Genuss des Tages Vorrang gab? Gab es welche, die etwas sahen aber nicht wirklich hinsahen?

Ob der Verunfallte um 8:00 Uhr hätte noch gerettet werden können, bleibt wie es aussieht für alle Zeit ein Rätsel, denn die den Fall bearbeitende Kriminalpolizei hat keine Obduktion zur Klärung der Todesursache und des Todeszeitpunkts angeordnet.  Tauchunfall. Punkt. Keine Beteiligung Dritter erkennbar. Der Mann tauchte allein. Auf das Equipment werde noch ein Auge geworfen. Dann fällt der Aktendeckel und Vorgang XYZ ist abgehakt.

Dass der Tote 4 ½ Stunden im Wasser trieb (oder getrieben haben soll), bevor er Mittags entdeckt und die Wasserrettung verständigt wurde, das irritiert mich, macht mich nachdenklich. Ebenso das Desinteresse an einer Obduktion. Ja, der Staat muss auch in Bayern sparen, die Gerichtsmediziner sind überlastet, im Fall von Tauchunfällen auch nicht sonderlich spezialisiert, es käme ohnehin nur „Tod durch Ertrinken“ dabei heraus.

Dabei gibt es eine Menge von Szenarien, die diesem mysteriösen Fall ansatzweise zugeschrieben werden könnten.

Warum hat der Verunfallte einen Tauchgang zu so früher Stunde im Walchensee durchführen wollen, bei dem der Einstieg zwei Kilometer weit weg vom eigenen Fahrzeug gelegen ist?
War die Tauchtiefe von über 70 Metern tatsächlich geplant? Dafür hätten sich andere Einstiege angeboten.
Wollte er bewusst die frühe Stunde nutzen, um unbeobachtet zu sein?
Gab es doch Dritte, die unbeobachtet sein wollten?
Gab es Verantwortung Dritter hinsichtlich des Atemgases (Füllbetrieb)?
Gab es Verantwortung Dritter hinsichtlich der ärztlich erteilten Tauchtauglichkeit trotz bekannter Vorerkrankung?
Gab es Verantwortung Dritter hinsichtlich der Funktion der Atemregler und des Inflators?
Stand der Betroffene unter Drogen?
Wenn er so früh aufgebrochen war, was war der Plan für den Rest des Tages? Wann wollte er zurück sein? Wieso war seine Partnerin von seinem Ausbleiben nicht alarmiert?

Augenblicklich ist eigentlich nichts geklärt, nicht, ob der Verunfallte tatsächlich die Tiefe von über 70 Metern aktiv  und aus freiem Willen geplant hatte, was ihn durch welchen Impuls nach oben brachte. Eine Verkettung von technischen Fehlfunktionen ist vorstellbar.

Ich habe mich mit Dr. Ulrich van Laak von DAN diesbezüglich ausgetauscht.
Die polizeiliche Logik in der Gesamtbeurteilung des Vorfalls ist wirklich lückenhaft. Und anstatt, dass nach jedem Tauchunfall – im Gegensatz zu Flugunfällen –  eine genaue Klärung erfolgt und deren Ergebnisse zur Optimierung der Sicherheit veröffentlicht werden,  machen sich die Behörden hier das Leben etwas zu leicht.

Als Redaktion haben wir immer wieder versucht, Ermittlungsergebnisse zu Tauchunfällen von der zuständigen Polizeidienststelle zu bekommen. Es waren stets freundliche und für unser Anliegen offene Gespräche, die allerdings dann bei den für Auskünfte zuständigen Staatsanwaltschaften im Sand verliefen:

Zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte der Betroffenen könne keine Auskunft gegeben werden.

Wir danken für das Gespräch.

Mit nachdenklichen Grüßen,

Ihr

Michael Goldschmidt