Editorial

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Liebe Leserinnen und Leser,

auf alten Standuhren findet sich häufig der lateinische Satz „tempus fugit“ – die Zeit fliegt. Ich habe das Gefühl, dass sich die Zeit nicht mehr auf Flügeln davon stiehlt sondern dafür mittlerweile Raketentriebwerke benutzt. Ein Drittel des Jahres liegt bereits hinter mir und nach der ungewöhnlich langen Kälteperiode, die bis in den meteorologisch eingeläuteten Frühling dauerte, legte die Natur einen Schalter um und der Sommer hielt Einzug in eine noch unbegrünte Natur, ohne den Duft blühender Sträucher und Bäume.
Blätter und Blüten sind für Unterwasseraktivitäten nicht so wichtig, da steht die Frage nach Sichtweiten im Vordergrund, um das reichlich in der Redaktion angekommene Testequipment auch im Bild festhalten zu können. Da ist der April in der Regel ein guter Monat.
Aber keine Regel ohne Ausnahme.
Zwei Beispiele, die aktuell das Leben schwer machen, im taucherischen Einzugsgebiet der Redaktion, möchte ich kurz schildern. Der Walchensee wäre gerade jetzt ein idealer Ort, unter Wasser Bildmaterial zu produzieren. Noch hat die Algenblüte nicht eingesetzt, gute Bedingungen wären zu erwarten. Aber nicht so 2018. Der Wasserspiegel wurde extrem abgesenkt, was stellenweise den Einstieg zu einer mühsamen Kletterpartie werden lässt. Endlich im und unter Wasser hält sich die Freude in Grenzen. Sichtweiten um die zwei Meter, die sich erst in großer Tiefe auf etwa 5 Meter verbessern. Das war folglich ein Satz mit X.
Dann also in die andere Richtung orientieren. Der Attersee ist da eine treue Seele. Oft. Nicht immer. Dieses Jahr hat die Natur von außen zugeschlagen. Aufgrund der extremen Witterung haben die Fichten Zapfen in Zapfen mit den Kiefern bei der Pollenbildung richtig Vollgas gegeben und das Land mit einem dichten, nicht enden wollenden staubigen Gelbschleier überzogen. Die Uferregionen sind bis zu 20 Meter weit von einer gelb – braun schlierigen Schicht überzogen, die sich natürlich negativ auf die Transparenz auswirkt und das Equipment beim Verlassen des Wassers entsprechend einfärbt.
Zurzeit ist es wirklich nicht einfach für Sie die Testbeiträge begleitenden Unterwasserfotos zu machen.
Andererseits gibt es eigentlich keine Garantie, dass sich die Natur strikt an das hält, was ihr als jahreszeitliche Normalität angedichtet wird. Jedes Jahr entwickelt sich individuell und bringt seine Rekorde mit sich, positive wie negative. Schauen wir nur auf diesen April, der trotz der langen Kältephase als der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen registriert wurde.
Und wie oft hat man schon an einem Reiseziel, das typischerweise vom wolkenlosen Himmel mit strahlender Sonne beschienen wird, sturzflutartige Regenfälle aus tief hängenden fast schwarzen Wolken erlebt, Sandstürme und andere Wetterphänomene?
Sind das die unübersehbaren Anzeichen des Klimawandels?
Da kommt noch etwas ins Spiel, das noch eine Stufe höher aufgehängt ist, die Erde selbst. Wenn auch nur minimal, so verändert sich doch deren Rotationsgeschwindigkeit, was zum – ganz langsamen – Verschieben der Jahreszeiten beiträgt. In den äquatornahen Regionen, die diese typischen Jahreszeiten nicht kennen, für sie stehen die Monsunzeiträume, hat man das schon vor längerer Zeit beobachtet.
Nun, wir werden es nicht mehr erleben, dass in unseren Breitengraden die Frage ob oder ob nicht zu Weihnachten Schnee fällt vom Versuch der Prognose abgelöst wird, ob am 24.12. die 30 Grad Marke wieder geknackt wird und die Bescherung open air am Seeufer stattfindet…

Ich wünsche Ihnen, euch im Mai ordentlichen Durchblick über und unter Wasser,

herzlichst

Michael Goldschmidt