Ferropolis, die Stadt aus Eisen am Gremminer See

Der See rund um die Stadt aus Eisen

Gremminer See

Der Gremminer See war vor Jahren schon einmal zum Tauchen zugelassen und dicht am See bestand eine Basis. Damals erschienen über das Tauchen im Gremminer See die nachstehend komplett aktualisierte UNTERWASSERWELT-Reportage. Doch der Tauchbetrieb wurde behördlich wieder beendet, weil sich Uferregionen als nicht vollständig standsicher erwiesen und noch einmal nachgearbeitet, sprich bergbaulich saniert werden mussten.

Seit dem 28.08.2020 ist der Gremminer See erneut zum Tauchen freigegeben! Anmeldungen/Tauchgenehmigungen zum Tauchen im Gremminer See sind online oder in der Tauchbasis am Gröberner See erhältlich. Tauchlehrer Frank Kleeblatt www.tauchlehrer.com betreibt die Tauchbasis am Gröberner See und betreut und organisiert das Tauchen in den Mega-Tagebauseen Gröberner See, Gremminer „Ferropolis-See“ und Goitzsche-See. Ferner hat die Tauchschule die kleineren Altbergbau-Seen Zschornewitzer See, Barbarasee, Sachsenburgsee, Möhlauer See und dem klaren Kiessee Sollnitzer See im Programm.

Die meisten Tauchseen der Region werden im Buch TAUCHERWELT MITTELDEUTSCHLAND beschrieben. https://unterwasserwelt.de/taucherwelt-mitteldeutschland/

Für den neuen See Gröberner See steht die Tauchgenehmigung für große Gruppen noch aus, dennoch konnte der Gröberner See bereits in UNTERWASSER Heft No. 9-2020 vorab erkundet und beschrieben werden. Für Sammler: Eines der letzten UNTERWASSER-Hefte überhaupt.

Baden, Schnorchel, Tauchen im Gremminer See

Der Gremminer See steht noch immer unter Bergrecht! Das Tauchen ist anmeldepflichtig und Baden wie Tauchen sind ausnahmslos an den dafür vorgesehenen Einstiegen erlaubt. Die Benutzungsordnung des See-Eigentümers Blausee GmbH ist da kurz und eindeutig:

§ 7 TAUCHEN: Das Tauchen im Gremminer See ist gestattet. Die Taucher müssen sich bei der ansässigen Tauchbasis registrieren und dürfen nur an den gekennzeichneten Einstiegstellen den See nutzen. Die Tauchplätze werden durch die Tauchbasis gekennzeichnet und sind zwingend einzuhalten. Alleintauchen ist untersagt. Jeder Tauchgang ist mit Tauchboje zu kennzeichnen.

Die offiziellen Bade-Einstiege heißen Taucherstrand, Südstrand, Triathlonstrand und Baggerstrand. Die letzten beiden befinden sich im Museumsgelände der Ferroplis-Halbinsel. Dort kann man allein baden und schnorcheln. Auto abstellen ist auf der Ferropolis-Halbinsel im Museumsbereich nur im Rahmen von gebuchten Wohnmobilstellplätzen möglich.

Ein großer Teil des Sees bleibt auch weiterhin für den Tauchsport gesperrt. Im See leben Welse, Hechte, Barsche, Rotfedern, Plötzen und jede Menge Stichlinge, letztere vor allem in den flachen Pflanzenwiesen vor der Mega-Bagger-Rock’n-Roll-Bühne. Es gibt große Unterwasserwälder und diverse Relikte aus Tagebauzeiten zu sehen. Von der Tauchbasis am Gröberner See bis zum Tauchplatz Gremminer See sind es ca. 7 km.

Seekarte mit den vier Taucheinstiegsstellen und Untiefen

https://www.landkreis-wittenberg.de/de/datei/anzeigen/id/170231,1162/anlage_3_Uebersichtsplan_zu_den_untiefen.pdf

FERROPOLIS ist ein riesiges Freiluftmuseum. Hier werden fünf gewaltige Tagebaugroßgeräte gezeigt. Im alten Kraftwerk und den Werkstätten besteht ein aufschlussreiches Museum über das Industriezeitalter. Der heutige, blassblau wirkende Gremminer See liegt in einer Steppenlandschaft mit spärlichem Pioniergehölz. Man kann sich kaum noch vorstellen, dass hier zu Tagebauzeiten Lärm, ja fürchterliches Getöse und Kreischen von Stahl auf Stahl, sowie Dreck, je nach Witterung Kohlenstaub oder Kohlenschlamm, die Szene beherrschten.

FERROPOLIS gilt als der großartige Versuch, aus den Relikten des Industriezeitalters einen Teil zu retten und als Kulturstandort zu entwickeln. Natürlich kann man noch nicht bewerten, ob dieses Museum den Nachfahren Hochachtung vor den Arbeitsleistungen der älteren Generationen einflößt, oder ob es als eine „andere Variante von Disneyland“ wahrgenommen wird. Doch der kulturelle Auftrag scheint geglückt, denn FERROPOLIS hat sich längst als Rock`n Roll Arena sowie hochkarätiger Konzert- und Eventplatz etabliert.

Tauchbasis Gröberner See heute verantwortlich für Taubetrieb im Gremminer See

Der Gremminer See als Bergbaurestsee darf allein nach Anmeldung bei der Basis Gröberner See www.tauchlehrer.com betaucht werden. Einerseits ist eine Einweisung zum Taucheinstieg und den Zufahrten notwendig, andererseits handelt es sich beim See selbst, den umliegenden Wäldern sowie dem Museums- und Eventgelände Ferropolis um Privatbesitz. (Ferropolis GmbH, Blausee GmbH) Gäste dürfen allein entsprechend den Vereinbarungen, die die Besitzer des Sees, des Eventgeländes und der Forste mit der Tauchschule Gröberner See getroffen haben, parken und tauchen. Der See ist mit über fünf Quadratkilometern so groß, dass die Einstiege allein per Auto erreicht werden können.

Gerätetauchen allein am Taucherstrand

An den Taucheinstiegen Triathlonstrand und Baggerstrand schnorcheln wir sozusagen beinahe im Schatten der großen Tagebau – Bagger. Der Anmarsch zum Einstieg verläuft quer über das Ferropolis Areal. Unterhalb der Werkstatthallen und der stählernen Ungetüme erreichen wir das Nordostufer des musealen Bergbaugeländes. Hier existiert sogar ein kleiner Sandstrand. Trotz eines gewissen Ausbaugrades und vielen Besuchern spazieren hier zutrauliche Schwäne, Enten und sogar eine Bachstelze umher. Die Vögel sind an Menschen gewöhnt.

Wir schnorcheln in Sichtweite der schmalen Schilfzone. Der Anblick unter Wasser erfreut das Taucherherz. Dichte „grüne Wiesen“ breiten sich in sanften Schwüngen weithin über den Seegrund. Eine hellgrüne, frische Wasserpflanzenzone, wie man sie so ähnlich in den schönsten Mecklenburger Seen vorfindet. Unglaublich ist die Horizontalsicht. Im Flachwasser kann man sicher 10-12 Meter weit sehen, und in hellgrüner Tiefe wird dies noch mehr.
Der Grund ist überwiegend mit verschiedenen Arten von Armleuchteralgen (Characeen) bedeckt. Wir können genau sehen, dass alle zwei bis drei Meter Tiefe andere Characeen – Arten wachsen. Es handelt sich um jene hoch entwickelten Algen, die bei weniger genauem Hinsehen wie höhere Wasserpflanzen oder Makrophyten wirken.

Ihr Vorhandensein zeigt hohe Wassergüte und relative Nährstoffarmut an. Armleuchteralgen sind Reinstwasser-Anzeiger und können bei entsprechender Wassertransparenz bis in 20 Meter Tiefe wachsen, weil sie druckfest sind. Die „echten Wasserpflanzen“ hingegen haben in ihren Sprossen druckempfindliche Leitungsbahnen und sind oft auf Standorte von höchstens 8-10 Meter Tiefe begrenzt.

Außerdem sehen wir die Untergetauchte Zwiebelbinse, eine typische Bergbaufolge – Pflanze mit sehr großer Toleranz für saures Wasser. Zwischen den Characeen wachsen aber auch schon vereinzelte Tausendblätter, Wasserpest – Bestände und Krauses Laichkraut. Diese echten Wasserpflanzen beweisen, dass sich der See in der Entwicklung zu einem nicht mehr stark sauren, artenreichen Ökosystem befindet.

Über den hellgrünen Wasserpflanzenpolstern des Flachwassers ist Bewegung. Junge Barsche, aber auch viele Dreistachlige Stichlinge flitzen umher. Zuweilen sind einzelne größere Barsche zu sehen und wir können auch Rotfedern und Plötzen beobachten. In den federnden Characeen verstecken sich gern Amerikanische Flusskrebse. Der Pflanzenteppich kann über 8 Meter tief reichen, ehe Bergbaukanten am Grunde wahrnehmbar werden.

In der unterseeischen Hügellandschaft sind große Sträucher und bis zu 10 Meter hohe Bäume erhalten, die im trocken liegenden Tagebau gewachsen sein müssen. Manche ragen bis dicht unter die Wasseroberfläche. Je nach Sonneneinstrahlung wirken die dichten Wälder märchenhaft oder gespenstisch. Zwischen den großen Bäumen entdecken wir vereinzelt Beton- und Metallteile aus Bergbautagen, aber auch große Haufen professionell gerodete Baumstubben.
Die meisten dieser Bäume bieten einen seltsam bizarren Anblick, denn ihre Zweige und Äste sind dicht mit Dreikantmuscheln besetzt. Beinahe wie geschuppte Bäume sehen sie aus. An einigen Althölzern bilden die Dreissena – Muscheln faustgroße bis handballgroße Kolonien, die alle Partikel aus dem klaren Tiefenwasser filtrieren. Im Schatten der Bäume, raffiniert getarnt und meist unter dicken Ästen, stehen große Hechte. Im Reich der Althölzer sind sie so perfekt getarnt, dass wir vermutlich nur wenige von ihnen entdecken.

Ein Teil der überfluteten Bäume präsentiert geradezu feierliche Schleim- und Fadenalgenvorhänge, viele andere sind mit klumpigen Verdickungen aus Dreikantmuschelkolonien besetzt. Im dichten Unterwasserwald sehen wir, dass unter der Last der Dreikantmuscheln tatsächlich schon Äste abbrechen und zu Boden sinken. Örtliche Wassertrübungen haben ihre Ursache meist in wühlenden Karpfenschulen.

Gerätetauchen ist allein ab der Einstiegstelle Taucherstrand erlaubt

Draußen im See entdecken wir zwischen großen Wällen das ehemalige Einlaufbauwerk dieses Tagebausees. Es gibt ab 10 Meter Tiefe zahlreiche kleine Wäldchen am Grund. Weiter draußen finden wir die magische Rippenlandschaft aus vielen kleinen Bergkämmen, die einst durch die Bergbau-Absetzer aus Abraum aufgeschüttet wurde.

In den Tiefen des Tagebaues, in 15 – 20 Meter, sehen wir seltsame Trichter von etwa einem Meter Durchmesser. Dort scheint unterseeische Quellaktivität zu herrschen – Grundwasser tritt in den See ein und bringt weiße oder ocker gefärbte Mineralien mit. Wahrscheinlich finden hier diverse Fällungsreaktionen statt. Entlang der gut sichtbaren Bergbauterrassen schwimmen wir zurück.

In den tiefsten Regionen besuchen wir eine melancholische Mondlandschaft, mit Resten des Braunkohleflözes, vom Tagebau freigelegten Findlingen und vermutlich uralten Baumstubben. Insbesondere die Findlinge der Region sind sehr interessant. Es handelt sich oft um verschiedenfarbige Granite, die die Eisfront der letzten Eiszeit von Schweden und den finnischen Aland-Inseln her bis ins heutige Sachsen-Anhalt geschoben hat. Zu Lande kann man sich diese Findlings- und Gesteinsarten im Findlingspark Gröbern betrachten.

Tauchgäste sind hier schon Zandern und Barschen begegnet. Es kann sich lohnen, weit hinaus zu schwimmen. Der Fischer vom Muldestausee hat die Bewirtschaftung des Gremminer Sees mit übernommen und längst Kleine und Große Maränen besetzt. Diese Fische findet man mit etwas Glück in ganzen Schwärmen weit draußen. Es ist sehr beeindruckend, wie schnell die Natur die einst lebensfeindliche Braunkohlengrube in Besitz genommen hat und in einen lebendigen See verwandelt. Aus dauernde Taucher können am Taucherstrand einsteigen und sich die Regionen vor dem Südstrand mit ansehen, der keine offizielle gerätetaucher-Einstiegsstelle ist.

Gewässersteckbrief Gremminer See

Der Gremminer See wird nach der größten Sehenswürdigkeit an seinen Ufern auch Ferropolissee genannt. Das künstliche Gewässer entstand einst aus dem Braunkohlentagebau Golpa-Nord. Von 1958 bis 1991 wurden auf 1.685 ha Fläche Braunkohle und Ton abgebaut. Per Tag wurden etwa 26.000 Tonnen Braunkohle gefördert und in den Kraftwerken Zschornewitz (1915 größtes Dampfturbinen – Kohlekraftwerk der Welt) und Vockerode verbrannt. Die große Menge war wegen der minderen Kohlequalität notwendig. Je Tonne Braunkohle wurden ca. 9 Tonnen Abraum bewegt.

Der Seename erinnert an den weg gebaggerten Ort Gremmin. Es wird erwogen, an dessen ehemaliger Position ein Modell der Gremminer Kirche im Maßstab 1:10 auf den Seegrund zu stellen. Der See wurde ab 2001 mit Muldenwasser geflutet und hatte 2009 beinahe den vorab geplanten Wasserstand erreicht. Nachdrängendes Grundwasser kann über den Gräfenhainicher Mühlbach ablaufen.

Der Gremminer See liegt im Landkreis Wittenberg im Bundesland Sachsen-Anhalt. Die heutigen vier Bade- und Schnorchel-Einstiege liegen aus Sicherheits- wie Naturschutzgründen überwiegend in der Westhälfte vom Seehauptbecken und zugleich am Ostufer und der Zufahrt zur Ferropolis-Halbinsel. Gerätetauchen ist allein ab dem sogenannten taucherstrand zulässig. Gesperrte Areale sind durch Bojenketten ausgewiesen. Der See hat etwa 14 km Umfang, eine mittlere Tiefe von 13 und eine Maximaltiefe von 33 Meter. Der wesentlich kleinere See-Teil, der sich westlich hinter der Halbinsel erstreckt, fällt nicht unter den Geltungsbereich des Gemeingebrauchs am See. Er wurde Naturschutzgebiet und ist nicht zum Tauchen zugelassen.

Eventgelände FERROPOLIS

Auf der markanten Halbinsel im See stehen fünf gigantische Tagebaugroßgeräte aus Bergbautagen. Diese Erinnerungen an das Zeitalter der Schwerindustrie umschließen eine Rock’Roll Arena für 25.000 Besucher. Am Standort des heutigen Museums und Konzertplatzes befanden sich einst die Werkstätten, Energieversorgungsanlagen (30-KV-Station) und Sozialgebäude des Tagebaues Golpa – Nord. Nach Ende des Bergbaubetriebes wurde am 14. 12. 1995 die „Stadt aus Eisen“ begründet. Die Idee eines „Industriellen Gartenreiches“ als lebendiges Museum des Umbruches stammte aus dem BAUHAUS Dessau. www.kohle-dampf-licht.de

Die absoluten Stars des Geländes sind die Giganten aus Stahl, die da heißen: Eimerkettenschwenkbagger „Mad Max“, Schaufelradbagger „Big Wheel“, die zwei Absetzer „Gemini“ und „Medusa“ und Raupensäulenschwenkbagger „Mosquito“. Die Geräte sind bis zu 130 m lang und 30 m hoch. Sie repräsentieren gemeinsam 7.000 Tonnen Stahl. Das Gerät „Gemini“ kann begangen oder richtiger erklettert werden. Es finden Führungen statt; gelegentlich sogar bergsteigergerechte Kletter- und Abseilübungen an den Großgeräten. Zudem existiert das Tagebaumuseum mit viel Technik und berichtet über 150 Jahre Geschichte des Braunkohleabbaues in Mitteldeutschland, über Funde in der Kohle wie etwa den „Gröberner Waldelefanten“. www.ferropolis.de

Ferropolis ist seit 2005 Teil der „Europäischen Route des Industriellen Erbes“ (ERIH), www.erih.net, man kann dort heiraten und immer wieder grandiose Open Air Konzerte erleben. Immerhin spielten hier schon Metallica, Deep Purple, Linkin Park, Herbert Grönemeyer, Udo Lindenberg, Nena und viele andere Rock- und Pop-Idole. Alljährlich ist Ferropolis Standort des legendären Tekno – Festivals MELT.

Das Dessau – Wörlitzer Gartenreich (UNESCO-Welterbestätte), das Bauhaus Dessau als Zentrum der künstlerischen Moderne, der „LandArtPark Goitzsche“, das Biosphärenreservat Mittlere Elbe mit seinen Biber-Beständen und viele weitere Attraktionen liegen ganz nahe an Ferropolis, so dass man hier leicht eine Woche Tauch & Kultur-Urlaub machen kann. www.tourismusregion-wittenberg.de

Unter derzeitigen Corona-Bedingungen dürfen leider keine Konzerte stattfinden, dafür gibt es die außergewöhnliche Möglichkeit, mit dem Wohnmobil auf der Halbinsel in der Nähe der Mega-Bagger und zweier Badestellen campieren zu können.

Falk Wieland

 

Beitrag überarbeitet 6.2021