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Unterwasserstation Wildschütz

Unterwasserstation Wildschütz

Eine wechselvolle Geschichte begleitet die in einer Privatinitiative von Volker Buder konzipierte Unterwasserstation, deren drei Komponenten einst im Bergwitzsee installiert worden waren und in der DDR vor allem für die Ausbildung im taucherischen Wehrsportbereich verwendet wurde. Gut 10 Jahre hatte die Station nach dem Umzug nach Wildschütz auf dem Trockenen verbracht. aquata, der bekannte Hersteller von Tauchanzügen, unterstützt als Sponsor den Betrieb der Station und nutzt die Anlage als offizielles Testzentrum für die Trockentauchanzüge seines Unternehmens.

Klare, kurze Kommandos, so dirigiert Volker Buder konzentriert den Einsatz des Autokrans, der die drei Einheiten der Unterwasserstation, R I – RIII ins Wasser setzen soll. Wie es aussieht, ist alles bestens vorbereitet, minutiös geplant, inklusive dem Frühstück mit Briefing um 6:30 Uhr. Weder die beteiligten Helfer, die über und unter Wasser zum Einsatz kommen, die Filmcrew und die Journalisten sind vom frühen Start der Aktion nachhaltig begeistert, aber da müssen alle durch, die Regie hat das Sagen. Und ein Stück weit mag man erkennen, dass Volker, Jahrgang 1943, die Sache hinter sich bringen möchte. Das kann man verstehen, denn die Situation im Steinbruchsee Wildschütz unterscheidet sich völlig von der im Bergwitzsee, der ursprünglichen Heimat der Tauchstationen. In Bergwitz konnte man die Anlage am Grund verankern, in Wildschütz müssen die einzelnen Habitats an Ketten gelegt werden, an denen sie dann in Wassertiefen von 9, 6 und 3 Metern über dem vor der Basis etwa 50 Meter tiefen Grund zu schweben scheinen.
Die Unterwasserstation war bereits nach dem Mauerfall so spektakulär, dass sich Discovery Chanel 1999 an die Redaktion UnterWasserWelt wandte und um Unterstützung bat, für eine TV-Dokumentation. Die Recherchen ergaben jedoch, dass die Anlage aus dem Wasser geholt worden war, mit ungewisser Zukunft.
Heute wissen wir, dass Volker Buder seine Station, die er im elterlichen Betrieb in Reinsdorf bei Wittenberg, zunächst mit wenigen Helfern, später mit einer größeren Anzahl von Mitstreitern, Wirklichkeit werden ließ, in Bergwitz nach einer dramatischen Verschlechterung der Wasserqualität abbaute. Nach dem Mauerfall hatten neue verantwortliche Kräfte im Rathaus Entscheidungen getroffen, die den See zerstörten. Der Bergwitzsee hatte einst glasklares Wasser, heute ist es eine trübe Brühe, von Nährstoffen überdüngt und den Fäkalien von 40.000 Graugänsen verunreinigt, die sich dort ihr Winterlager einrichteten, einseitiger Erfolg so genannter Naturschützer.
Doch das liegt hinter Volker Buder, einem Tauchsportler der ersten Stunde in der DDR, der nichts anderes wollte als tauchen und anders, als die Kollegen im Westen, durch eine besonders harte Schule gehen musste. Ausrüstung und Material waren nie vergleichbar mit dem, was im Westen zu bekommen war, die Lungenautomaten baute man sich selbst und die Unterwasserstation war letztlich von der Idee getragen, eine Attraktion ins Wasser zu bringen, denn Reisen, auch nur an interessante Tauchplätze der Ostsee, war den Sportlern wegen Republikfluchtgefahr völlig untersagt. Tauchgänge im Meer, fast ein utopisches Wunschziel. Wenn Ostsee, dann weit ab von jeder Möglichkeit den Staat hinter den Flossen zu lassen…
Man kann sich kaum vorstellen, was es bedeutete, die Materialien für die Unterwasserstationen zu organisieren. Alles ist Zweit- oder Drittverwertung, so wurde die RII, in der man sogar wohnen kann, aus alten Druckkesseln geformt. Zur Verteilung der Abluft verwendet Volker an der RII sogar heute noch Duschköpfe aus „guter alter DDR-Zeit“.
Ein Perfektionist, verantwortungsvoll und unglaublich erfahren, so kann man Volker charakterisieren. Der Zufall ist nicht sein Freund und dennoch muss er sich gelegentlich geschlagen geben.

Peter Fitschen, Vertriebsleiter von aquata Euras GmbH, brachte den Stein ins Rollen. Auch er hat seine Wurzeln auf der einstmals anderen Seite Deutschlands. Die Unterwasserstation als offizielles Testcenter von aquata, bei dem die neuesten Trockentauchanzüge ausprobiert werden können, eine gute Idee und einmalig dazu. Volker Buder lässt ohnehin nur Taucher im Trockenanzug in den See, der traditionell größere bis extreme Tiefen im Tauchgangprofil generiert, was erst durch entsprechende Ausrüstung möglich gemacht wird. Kreislaufgeräte und Mischgastaucher sind hier zuhause, bis 74 Meter kann man sich fallen lassen und dem ehemaligen Steinbruch mit seinen nahezu senkrechten Wänden auf den Grund gehen. Attraktionen gibt es genug, die Rahmenbedingungen für Süßwasser extrem sind ausgezeichnet. Die Unterwasserstation, die die Deko nach Tieftauchgängen komfortabel gestalten kann, bekommt hier neue Aufgabenfelder – im rein zivilen Bereich. Alle drei Komponenten werden durch eine Niederdruckkompressor stets mit Frischluft versorgt, die in den Jahren 1980 – 84 gebaute Station RII mit Trockenräumen, in denen man sogar wohnen könnte, hat neben einer Wechselsprechanlage und Videoüberwachung auch eine Heizung. Beleuchtung ist selbst verständlich.

Eine aufrechte Röhre, ein Pilz, ein Gebilde, das an die Raumstation MIR erinnert, stehen noch auf dem Trockenen, nach 10 Jahren Restaurierung und Modernisierung bereit für neue Taten.
Videokameras ziehen Bänder durch, Kameras klicken, der Arm des Autokrans, der am stahlblauen Himmel kratzt, steigert die Spannung. Erst soll die RI, die 1974 gebaut wurde, ins Wasser gelassen werden. Kameraobjektive beobachten hautnah jeden Handgriff von Volker, alles scheint x-mal geprobt und dennoch ist es eine Premiere ohne Generalprobe.
Souveräne Gelassenheit strahlt auch der Techniker aus, der den Kran bedient. Blaumann, Schirmmütze, jahrzehnte lange Erfahrung. Auf den Zentimeter genau lässt er den Kranhaken herab, bugsiert er die RI nach oben und übergibt sie nach kurzem Flug dem See. Jetzt kommt Leben in Volker Buder, er spurtet zur Kontrolleinheit des Niederdruckkompressors, der Luft in die RI blasen soll, damit sie stabil und aufrecht im Wasser steht. Fette Blasenpolster brodeln aus der RI, sie schwebt senkrecht im Wasser, der Kranhaken kann gelöst werden.
Dann erst einmal die Station ein paar Meter nach links ziehen, mit dem Ruderboot, um Platz zu schaffen für die nächste Komponente, die RIII, den Pilz – oder Helm.
Wie ein Ufo schwebt die RIII ein, setzt auf dem Wasser auf und verhält sich gutmütig wie ein Steinpilz im Schatten einer Tanne. Auch jetzt wieder Volkers Spurt, die Luftleitung muss frei gegeben werden, damit nichts unkontrolliert unter geht.
Jetzt steigt die Spannung, das Kernstück der Anlage, die RII muss nun auf einen Ponton montiert werden, der geflutet ein Gegengewicht zur Luft in der Station bietet. Der Kran hebt die RII auf den Ponton, Volker und eingewiesene Helfer verschrauben die beiden Bauteile.
Der Kran wird wieder aktiv und hieft die RII in die Höhe, sie muss noch umgesetzt werden, da der Kran aus seiner augenblicklichen Position das Wasser nicht erreicht.
Dann wird es still. Sehr still. Selbst der Kuckuck, der in der Nähe seinen Eibetrug hämisch feierte, hat Sendepause. Volker und der Kranfahrer beraten sich. Nicht lange, doch es reicht, die Spannung noch ein Stück aufzubauen.

Ende

Die RII ist mit ihren nunmehr 6,5 t zu schwer, um von diesem Autokran zu Wasser gelassen zu werden.

Nun gut, es gibt genug zu tun. Die RI müsste auf ihre Tiefe gebracht werden, bei 9 Metern soll der Einstieg liegen. Bei 15 Metern wurde in der Felswand eine massive Öse verankert, von dort führen dann Ketten zur Station, die sie im eisernen Griff halten. Zunächst müssen aber Seile mit Flaschenzug – Umlenkung die Röhre nach unten ziehen, über eine Verholwinde von der Elbe, tief im Boden verankert, auch ein Stück DDR – Vergangenheit, von zwei Helfern bedient.
Aus den Bullaugen sprudelt Luft, auf die Taucher, die am Ende bis 2,5 Stunden im kalten Wasser arbeiten, wartet viel Arbeit. Mit Werkzeugen die Schrauben an den Bullaugen nachziehen, Seile ziehen, ein massives Drahtseil auf Tiefe bringen, Luftschläuche „sortieren“, doch dann ist die RI in der vorgesehenen Tiefe, zunächst mit Seilen verspannt.
Die RIII, die noch an der Oberfläche dümpelt, wird sich noch einige Tage gedulden müssen, bis man sich ihrer annehmen kann.

Nächster Tag

Wir haben mit Volker Buder und der Tauchmannschaft einen kleinen Deal verabredet. Für eine Fotosession soll man uns 5 Minuten Vorsprung geben, damit wir von der RI die ersten UW-Aufnahmen machen können. Kein Problem. Wir tauchen das erste Mal im Wildschütz – Steinbruchsee ab und sind begeistert. Die behauenen Felswände, eine spannend schöne Szenerie, mit ein paar Flossenschlägen sind wir an der RI. Das Fisheye – Objektiv war erwartungsgemäß die richtige Wahl, da das Wasser hier durch die UW-Arbeiten des Vortags noch eingetrübt ist.
Ja, es ist beeindruckend, die RI hier zu besuchen, ohne Ende arbeitet die Kamera.
Dann zieht im Hintergrund ein Blasenschwall nach unten, einer der Filmer sucht seine Chance für einige schöne Szenen. Kurz darauf gehen die anderen Taucher in Position, die die 4 Ketten an der RI befestigen sollen, im Ersatz der Seile.
Dann ein Schlag, als hätte ein U-Boot einen Treffer bekommen. Wir ziehen uns schnell zurück, die RI schwankt bedenklich, später wissen wir, dass die Befestigung einer Kette gebrochen war.
Jetzt haben wir Zeit der RIII, die noch halb über die Wasserlinie ragt, zu besuchen. Auf dem Weg dorthin finden wir Laichbänder von Barschen und Relikte aus der Vergangenheit des Sees.
Und es passiert uns, dass wir die Flaschen bis zur Reserve leer atmen, so vieles gibt es zu sehen, zu erforschen.

Bald schon wird die gesamte Station mit ihren drei Komponenten verankert und betauchbar sein. Wildschütz, eine taucherische Attraktion ohnehin, wird dann das Highlight der Süßwassertaucher generell sein, nicht nur für Tieftauchgänge. Eine flache Bucht bietet fast karibisches Ambiente und auch in geringeren Tiefen bieten die Steilwände eine Fülle an Impressionen im klaren Wasser.

www.tsbuder.de

 

Beitrag erstellt 4.2008

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