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Malediven – 26 Atolle, die nicht nur von Urlaubern begehrt werden

Malediven

Ibrahim Mohamed Solih / Wikipedia

Seit es amtlich ist, dass auf den Malediven völlig überraschend der Kandidat der Opposition die Wahl gewonnen hat, wächst im Hintergrund aber die Besorgnis, ob der unterlegene Amtsinhaber Abdullah Yameen tatsächlich die von ihm öffentlich akzeptierte Niederlage hinnimmt. Für Wahlsieger Ibrahim Mohamed Solih ist bis 17. November noch nichts in wirklich trockenen Tüchern. Wer ist der designierte Präsident und welche politische Rolle spielen China und Indien in deren Kampf um Macht und Einfluss im Inselstaat?

Noch gelten die Maßnahmen des amtierenden Präsidenten Yameen, der zur Bekämpfung der Opposition Anfang 2018 den Ausnahmezustand für die Haupstadt Malé ausrief. Zahlreiche Politiker und Kritiker wurden ins Gefängnis geworfen, um dem immer stärker werdenden Widerstand undemokratisch entgegen zu wirken.

Sitzt man erst einmal im Ferienflieger, der nach 10 Stunden auf Hulule landet, interessieren politische Hintergründe der besuchten Region nicht die Bohne. Die Sorge gilt eher der Einreisekontrolle, bei der jedes Gepäckstück durchleuchtet wird, auch mit dem Ziel illegal eingeführte Salami mit Schweinefleischanteil oder Alkohol zu entdecken. Im islamistischten aller islamischen Staaten ist Alkohol strikt verboten und das in den Resorts an den Bars arbeitende Personal stammt deshalb überwiegend aus Sri Lanka.

Die Hauptstadt neben der Flughafeninsel, deren Runway aktuell mit Chinesischen Krediten verlängert wird, sieht der Tourist nur entfernt vom Dhoni, dem Speedboot oder aus der Luft. Man hat ja auch keinen Städtetrip gebucht, weißer Sand, Palmen, üppige Vegetation, ein wunderbares Hausriff und einmalige Tauchpätze spielen nun die Hauptrolle in einer ausschließlich Touristen überlassenen Scheinwelt. Wie im Theater schaut man nicht hinter die Kulissen und die einheimischen Bediensteten sind meist so unsichtbar wie Alberich in einer Wagner Oper.

Dass die Malediven Jahrzehnte der Diktatur und dunkler Machenschaften hinter sich haben, wissen nur die wenigsten. Und arbeitet man dort als Ausländer, der sich nicht stoisch alles an Information vom Leib hält, wird dieses Wissen kaum nach außen getragen. Wer weiß, wie sich unbekümmertes Geplauder auf den nächsten Visumantrag auswirkt. Als unerwünschte Person kann man schnell aus dem vermeintlichen Paradies fliegen, ohne, dass es nach außen als politisch motiviert erkennbar wird. Ein Denunziant behauptet, man hätte Alkohol geschmuggelt, das war es dann. Hulule und Malé sieht man dann beim Abflug endgültig das letzte Mal.

Ibrahim Mohamed Solih / Wikipedia

Der designierte Präsident Ibrahim Mohamed Solih (54) gehört der Maledivischen Demokratischen Partei (MDP) an. Seit er im Dezember 1994 ins Parlament gewählt wurde, ist er dort ununterbrochen vertreten. Bereits seit Beginn der 1990er Jahre spielt er eine führende Rolle in der Demokratiebewegung. An der Gründung der MDP war er 2003 beteiligt, ein Jahr später an der Ausarbeitung der neuen Verfassung. Seine Frau  Fazna Ahmed ist eine Cousine des im Exil lebenden Ex-Präsident  Mohamed Nasheed, der 2008 den 30 Jahre regierenden Abdul Gayoom ablöste. Nasheed trat 2012 nach Bevölkerungsprotesten und einem Putschversuch zurück. In einem politisch motivierten Prozess wurde er 2015 zu 13 Jahren Haft verurteilt, konnte 2016 für eine Rückenoperation in England seine Haft unterbrechen, erhielt von London politisches Asyl.

Dass Demokratie nach westlichem Verständnis im Inselstaat der Malediven nun angekommen sein soll, lässt hoffen. Allerdings muss dazu tatsächlich die Präsidentschaft am 17.11. an Solih übergehen mit anschließenden Jahren in der Regierungsverantwortung, die auf Herausforderungen reagieren muss, die nicht gerade paradiesisch sind. Noch Präsident Yameen hat sich seit 2014 eng mit China verbunden, Solih steht dagegen traditionell Indien als einem führenden Partner verbunden. China nutzte die jahrelange Untätigkeit Indiens, sich aktiv um Zusammenarbeit mit den Malediven zu bemühen. In Delhi ging man davon aus, dass bereits die geografische Nähe und Größe genügen würde, den kleinen Inselstaat wie auch immer an sich zu binden. Solhis Sieg hat deshalb in Indien große positive Zustimmung ausgelöst, man spricht dort vom „Triumpf der demokratischen Kräfte“.

Die geografische Lage zwischen Indien und Afrika hat schon seit langem auch einen beachtlichen strategischen Wert, weshalb das rührige Engagement Chinas durchaus verständlich ist. In Peking nutzte man den diesbezüglichen Tiefschlaf in Dehli, der nun eine deutliche Rivalität offenlegt. Und so schnell kann sich Solhi nicht von den Chinesen abwenden, wie er das eigentlich möchte, denn geschätzt hat China für Investitionen in die Infrastruktur (Flugplatz, Brücke, Krankenhaus) der Malediven Kredite über eine Milliarde US$ gewährt, ¼ des Bruttoinlandsprodukts. Pro Kopf bedeuten allein die Kredite aus Peking eine Schuldenlast von 2.400 US$. Diese deutliche Abhängigkeit von China ist keinesfalls innerhalb kurzer Zeit zu beenden, worüber Mohamed Nasheed in seinem Exil in London aber laut nachdenkt. Er wünscht sich eine „Reparatur“ der Beziehungen zu Indien. Das irritiert die politische Führung in Peking, die das als „unverantwortliche Bemerkung“ tadelt und umgehend zusichert, die Zusammenarbeit zum gemeinsamen Vorteil weiterzuführen. Schaut man auf die Zahlen, könnte Malé auf dem Weg in eine chinesische Schuldenfalle sein. Dass Dehli mittlerweile aufgewacht seine Kooperation mit den Malediven neu und stark beleben möchte, ist bereits spürbar.

Außen- und wirtschaftspolitisch warten auf Solhi große Herausforderungen, aber auch innenpolitisch gibt es viel zu tun. Die Jugend braucht Perspektiven, Drogenprobleme sind nicht mehr unter den weißen Sand zu kehren. Die Anhänger eines konservativen Islams müssen davon überzeugt werden, dass auch die Malediven in einer anderen Zeit angekommen sind.

So bleibt die Hoffnung, dass die demokratischen Kräfte mit einem Präsident Solhi eine stabile Zukunft im Urlaubsparadies aufbauen können, das hinter den Kulissen von paradiesischen Zuständen ziemlich weit entfernt ist.

Michael Goldschmidt

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