Tigerhaie

Wenn sie auftauchen, beginnt das Requiem (Totenmesse) — jedenfalls für Schwimmer, Schnorchler und Schiffbrüchige. Requiemhaie, zu denen auch Tigerhaie gehören, waren Jahrhunderte lang der Schrecken aller Seeleute. Dass man einmal mit ihnen tauchen würde und das auch noch freiwillig, hätte sich noch vor Jahren kein Mensch vorstellen können. 

Die Tauchszene ist ein Hort für Spinner, Exaltierte, Profilneurotiker, Fischdompteure, Extremsportler und Abenteurer. Eine Welt geschaffen für Menschen wie Jim Abernethy, der bereits mit 17 Jahren Kontakt zu den schwimmenden Räubern hatte und seitdem sein Leben mehr oder weniger den Haien widmet. Darüber zerbrach seine Ehe, aber nicht sein Fanatismus. Haie, je größer und gefährlicher, desto besser. Der 48-jährige Jim liebt das Risiko, aber auch sein Leben. Was er mit Tigerhaien, Karibischen Riffhaien, Hammerhaien und Hochseehaien anstellt, wirkt durchdacht, kontrolliert und sehr professionell. Seine circensische Show ist einmalig auf dem Globus. Die besten UW-Fotografen der Welt geben sich bei ihm ein Stelldichein, denn er garantiert, was sonst kaum möglich ist, tauchen und fotografieren mit und von Tigerhaien unter Beibehaltung größtmöglicher Sicherheiten…sofern man das bei diesen Raubtieren überhaupt sagen kann.

Tigerbeach

Es war im Frühjahr 1998, als Jim Abernethy anlässlich eines aufkommenden Sturmes mit seinem Schiff „Shearwater“ auf einer Sandbank des Gebietes „Little Bahama Bank“ Zuflucht suchte. Am nächsten Morgen sahen Jim und seine Leute große Schatten durchs türkisfarbene Wasser gleiten. Der eilig durchgeführte Tauchgang offenbarte eine kleine Sensation. Man sah sich 5 Tigerhaien gegenüber. Der überstürzte Abstieg endete zum Glück ohne Blessuren und Jim erkannte seine Chance, etwas Einmaliges zu schaffen. Es war die Geburtsstunde von Tigerbeach, einer Haiarena in den Gewässern der Bahamas. Beeindruckende Haibegegnungen inszeniert vom verrückten Jim und seiner Piratencrew.
Die Entwicklung des Tauchens macht weder bei der technischen noch der medizinischen Entwicklung halt, auch im Umgang mit Raubfischen und den großen Meeressäugern sind große Fortschritte erzielt worden. Zu verdanken haben wir diese Fraternisierungsversuche Leuten wie Jim Abernethy, die sich über Klischees, Urängste und Vorbehalte hinwegsetzen und ihr eigenes Ding machen. Gipfel der Kaltblütigkeit: Jim hielt sich an der Rückenflosse eines Tigerhais fest und ließ sich durchs Wasser ziehen.
Tigerbeach ist mehr oder weniger eine Bay. Warum man diesen Ort als Beach (Strand) bezeichnet, ist auch Jim nicht so recht klar. Das Wort wurde übrigens von Big-Game-Fischern geprägt, die an diesem Ort Jagd auf Tiger- und Zitronenhaie machten. So kann man beim Sharkmeeting immer wieder Einzeltiere mit Haken im Maul erkennen. Zu stören scheint es die Tiere aber nicht. Je nach Tidenhub bewegt sich die Wassertiefe zwischen 4 und 5 m. Der Grund besteht aus feinem Sand, dessen Partikel sich durch die Anwesenheit von Tauchern und Haien in größerer Zahl als Schwebeteilchen bemerkbar machen können. Die Sicht kann unterschiedlich sein. Wir hatten Glück und schätzten sie auf 20 – 30 m. Am Nachmittag setzt regelmäßig eine leichte Strömung ein, die zwar alle Trübstoffe vertreibt, aber ein kontrolliertes Verbleiben auf der Stelle erschwert.
Die geringe Tiefe ist ideal, weil man keine Dekozeiten befürchten muss und man ist auch schnell an der Plattform, wenn es mal brennzlig werden sollte oder man die Zweitkamera benötigt. Denn auf freie Aufstiege reagieren die Tigerhaie sofort und folgen einem bis zur Plattform. Manchmal mit offenem Maul. Das fördert die Adrenalinzufuhr.

Vorbereitung

Bevor mit Tigerhaien getaucht werden kann, muss man die Bekanntschaft mit karibischen Riffhaien machen. Jim besteht darauf, weil man seine Hemmungen gegenüber diesen Tieren zuerst ablegen muss. Außerdem fördern einige Tauchgänge mit hektisch schwimmenden Riffhaien das Selbstbewusstsein und verdrängen mögliche Ängste. Im Übrigen kann man sich an diesen Stellen weitgehend stressfrei eintauchen, die Ausrüstung checken und sein Kameraequipment überprüfen.
Jim kennt einige Plätze auf den Bahamas, wo Riffhaibegegnungen garantiert sind. Aber ohne Anfüttern geht es nicht, wenn man will, dass die Haie dauerhaft 1-2 Tage bleiben. Es werden jedoch keine Fischköpfe oder Blut ins Wasser geschüttet. Die Köder befinden sich in löchrigen Kunststoffkisten, die sowohl am Boot als auch im Riff platziert werden. Die Haie haben immer den Fischgeruch in der Nase, kommen aber nicht ans Futter und schwimmen deshalb sehr erregt durchs Wasser. Die Futterkisten lassen sich im Riff an attraktiven Stellen verankern, so dass neben den üblichen Freiwasserbildern von Riffhaien auch solche mit Korallen, Muränen, Tauchern oder stationären Zackenbarschen möglich sind.
Jim hält die karibischen Riffhaie im Gegensatz zu vielen Tauchern für sehr gefährlich, weil sie wie Wölfe im Rudel jagen und sich in einen Fressrausch hineinsteigern können. Sie sind dann unberechenbar, sehr erregt und schwimmen extrem schnell durcheinander. Wir hatten es selbst erlebt, als einem UW-Fotograf, der sich am Futterkorb etwas weit vorwagte, in die Pressluftflasche gebissen wurde.
Einen Vorgeschmack, was einen bei den Tigerhaien erwarten wird, bekommt man, wenn sich am Futterplatz der karibischen Riffhaie auch Hammerhaie und einzelne Tigerhaie einfinden. Meistens bleiben sie wegen der vielen Luftblasen in moderater Distanz, aber die schiere Größe der Raubtiere lässt einen doch schwerer atmen. Dagegen wirken die nur 2 bis 2,5 m langen Riffhaie, obwohl zum Teil auch schon recht massig, wie Hungerflüchtlinge aus einem Katastrophengebiet.

Hasardeurspiel

Mit Tigerhaien tauchen ist fraglos etwas Besonderes. Die großen Räuber gelten zu Recht als Risikofaktoren, weil man ihre Reaktionen nie bis ins letzte Detail vorhersehen kann. Ein Hasardeursspiel mit ungewissem Ausgang. Oder auch nicht. Denn wenn man das Geschäft mit den Tigern des Meeres beherrscht, sieht alles einfach und kalkulierbar aus. Aber ist es das wirklich?
Ein etwas mulmiges Gefühl kommt auf, wenn man sich zum ersten Mal in das grünblaue Wasser gleiten lässt. In 5 m Tiefe bildet die 6-köpfige Tauchergruppe ein Dreieck, an dessen Spitze Jim oder einer seiner Diveguides sitzt und die Kisten mit den Fischabfällen entweder in den Händen hält oder hinter ihnen kniet. Das Taucherdreieck wird immer so angelegt, dass die leichte Strömung von dessen Spitze in Richtung offene Grundlinie strebt. Tigerhaie folgen dann der Duftspur bis in das Dreieck hinein. Wie Wölfe orientieren sie sich am Fischgeruch, die feinfühlige Nase dicht über dem Sand. Vermutlich kann man Tigerhaie nur über das Anlocken mittels Köder vernünftig und weitgehend gefahrlos fotografieren. Wenn ein attraktiver Köder fehlt, ist man eventuell selber einer, und dann könnte es ungemütlich werden. Einen echten Angriff dürfte man schwerlich überleben.
Jim hat seine Augen überall, aber man muss sich auch selbst vorsehen. Kontrollierbar ist die Situation bis zur Anzahl von etwa 3 bis 5 Tigerhaien, bei mehr wird es kritisch, denn die Räuber nähern sich auch von hinten, wollen den oder die Taucher auf Fressbarkeit untersuchen. Wenn die weiße Nickhaut der Augen nach oben schwenkt, ist höchste Vorsicht geboten. Dann steht zumindest ein Beißversuch kurz bevor. Die Beißversuche, obwohl sie nicht als ernsthafte Angriffe bewertet werden dürfen, sind trotzdem höllisch gefährlich. Die riesigen, dreieckigen Zähne der Tigerhaie reißen auch bei einem Probebiss hässliche und eventuell auch tödliche Wunden, weil man erstens nicht einschätzen kann, wie sich die in Gruppen schwimmenden Zitronenhaie bei Blut im Wasser verhalten werden und zweitens befindet man sich von der nächsten Krankenstation einige Stunden Schiffsfahrt entfernt. Auch wenn man den Tigerhaibiss im Wasser überlebt, stehen die Chancen letztendlich davonzukommen trotzdem schlecht.
Realistisch denkende Menschen werden schwerlich das Gefühl los, dass es irgendwann zum Supergau kommen wird und muss. Dafür spricht die Wahrscheinlichkeit, dass einer mal leichtsinnig wird, eine Situation falsch einschätzt oder einen Tigerhai übersieht, der sich von hinten anschleicht und die Flossen samt daran hängender Beine auf Fressbarkeit untersucht. Daran wird auch die von Jim Abernethy geführte Statistik wenig ändern, nach der es seit Beginn der Tigerhai-Show noch nie zu einem ernsthaften Zwischenfall gekommen ist. Immer waren es Beinahe-Unfälle, die mit viel Glück gut gingen. Auch in unserer Gruppe waren drei kribbelige Situationen, über die man besser nicht länger nachdenken sollte. Trotz alledem, der Mensch ist unverbesserlich. Fast geschlossen würde die Tauchgruppe wieder zu Jim fahren, weil er den circensischen Ablauf gut im Griff hat und man letztendlich von den großen Raubtieren über den klaren Verstand hinaus fasziniert ist.

Equipment und Regeln

Damit man das Abenteuer sicher übersteht, hat Jim Abernethy eigene Vorsichtsmaßnahmen und Regeln entwickelt, an die man sich tunlichst halten sollte. Tauchanzug, Maske, Flossen und Jacket sollten gedeckte Farben aufweisen. Obwohl man nicht weiß, ob Tigerhaie Farben erkennen können, ist Jim der Ansicht, dass alles, was gelb, weiß, rosa oder silbrig ist, hier nichts zu suchen hat, weil es die Raubfische reizen könnte, es zu untersuchen. Betroffen von Probebissen waren beispielsweise schon die silbrigen SeaCam-Gehäuse, von denen sich einige im Schlund großer Tigerhaie befanden, aber als ungenießbar wieder ausgespuckt wurden. Dagegen steht eine Aussage des Haiexperten Erich Ritter, nach der die Farbe einer Tauchausrüstung oder eines Kameragehäuses keinen Einfluss auf das Verhalten beliebiger Haie haben soll. Jim streitet das allerdings vehement ab. Gelbe Flossen und gelbe Anzüge sind tabu, denn an die geht der Tigerhai angeblich zuerst. Die Volo-Flosse von Mares ist hingegen erlaubt.
Erstaunlich ist, dass sich die Tigerhaie eher gemächlich bis vorsichtig dem Köder nähern. Hektik ist nicht ihre Sache. Die Bewegungen wirken langsam, sind aber zielstrebig und von durchschlagender Wucht, wenn der Biss erfolgt. Als ein vorwitziger Zitronenhai einem Tigerhai den Köder wegschnappte, geriet dieser in Rage. Nur einen Sekundenbruchteil später schlug er seine gewaltigen Kiefer in das Genick des Köderdiebes. Ein lautes Knacken ertönte, als wenn jemand im Wald einen morschen Ast abbricht. Der lädierte Zitronenhai schwamm taumelig davon, vermutlich mit gebrochenem Genick, ob er es überlebte wissen wir nicht. Aber schlagartig war uns bewusst, hier unten herrscht das Gesetz des Stärkeren. Und das ist der Tigerhai. Mit einer einzigen Schlürfbewegung zog er den kapitalen Fischkopf in den Schlund. Was aber wäre gewesen, wenn der Tigerhai dem Zitronenhai den Kopf abgebissen hätte, was für ihn ein Leichtes gewesen wäre? Dann hätten wir wohl die Flucht antreten müssen, weil die Situation unkontrollierbar gefährlich geworden wäre.
Etwa 30 Tigerhaie kennt Jim Abernethy mit Namen. Er unterscheidet sie an bestimmten Merkmalen der Haut, der Flossen oder der Maulstellung, die auf ein bestimmtes Tier hinweisen. Nahezu alle Tigerhaie, die auf die Sandbank kommen, sind weiblich. Warum, weiß auch Jim nicht.
Die Tigerhaie verhalten sich nicht alle gleich. Die kleineren (2-3 m) nähern sich eher von vorne, andere sind aufs Anschleichen spezialisiert. Da heißt es höllisch aufpassen. Im Durchschnitt sind die Tigerhaie in der Tigerbeach zwischen 3 und 5 m lang, wiegen je nach Statur geschätzte 300 Kg bis 1000 Kg, Tendenz aber eher nach oben. Manche kommen seit 4 Jahren regelmäßig zum Fütterungsplatz, andere nur gelegentlich. Manche gar nicht mehr, wenn sie von Hochseefischern geangelt wurden. Dass auch Tigerhaie ein gefährliches Leben haben, beweisen die vielen Haken und Angelschnüre, die aus dem Maul einzelner Tiere hängen. Es scheint sie aber nicht zu stören oder zu beeinträchtigen.
Ein kritischer Moment ist immer der Aufstieg zur Bootsplattform. Man sollte ihn nur machen, wenn kein Tigerhai in unmittelbarer Nähe ist. Sie folgen grundsätzlich bis zur Plattform mit aufgerissenem Maul. Es gab diverse Mal einige haarige Situationen, die wir auch im Nachhinein nicht 100%-tig deuten konnten. Hätte der Tigerhai zugebissen, wenn er die Beine bzw. die Flossen erwischt hätte? Jim bejahte dies, war sich aber auch nicht sicher, ob der Biss mit aller Konsequenz geführt worden wäre. Vielleicht wäre es auch nur ein Probebiss gewesen. Aber der hätte mindestens fürs Krankenhaus oder sogar für den Zinnsarg ausgereicht.

Tigerhaifotografie

Wer zu Jim Abernethy aufs Boot kommt, will die großen Räuber fast immer auch fotografieren. Eine kleine Digicam ist aber nicht das Richtige, denn sie bietet wenig Schutz, wenn ein Tigerhai mal zudringlich werden sollte. Zur Nikonos RS kann man nur raten, wenn ein ordentlicher Blitz den Arm verstärkt. Am sichersten fühlt man sich hinter einem großen UW-Gehäuse mit Mega-Domeport. Dieser sollte möglichst einen Mineralglasabschluss besitzen, sonst kann es einem wie Jim ergehen, der Abend für Abend die Zahnkratzer aus dem Acryl herauspolieren musste. Manche der Scharten waren so tief, dass er Auto-Schleifpaste verwenden musste.
Tiger- und Zitronenhaie können mit allen Superweitwinkeln und Fisheye – Objektiven abgelichtet werden. Makroobjektive sind nur bei Kopfportraits der Karibischen Riffhaie und der Zitronenhaie sinnvoll. Als sehr variabel haben sich Zoomobjektive mit Bildwinkeln zwischen 60° und 100° erwiesen. Extrem große Bildwinkel versprechen zwar dramatische Perspektiven, bergen aber die Gefahr, dass immer wieder Mittauchende in ungünstigen Posen mit aufs Bild kommen. Echte Modelfotografie ist schwierig, eventuell gar nicht zu machen. Erstens tragen alle Beteiligten mehr oder weniger gedeckte Farben und zweitens kann man sich nur mit einem erhöhten Risiko von der Tauchgruppe entfernen. Jim sieht das nicht gern und wird grantig, wenn man sich nicht an seine Anweisungen hält. Modelaufnahmen sind aber gut machbar, wenn man mit den Karibischen Riffhaien taucht.
Jim Abernethy fotografiert mit einer Canon EOS 20 D und dem 15 mm Fisheye, das an dieser Digicam etwa einem Superweitwinkel mit 110° entspricht. Blitzbelichtet wird manuell mit zwei Sea & Sea YS-120, deren Leistungsstufenschalter generell auf 1/2-Last stehen. Weil Jim immer die Köderkisten vor oder unter sich hat, gelingen ihm auch sehr spektakuläre Aufnahmen, die man als Tauchgast nur schwer toppen kann. Wenn Jim in der einen Hand eine Köderkiste und in der anderen die Kamera hält, gerät sein Tauchgang zu einer Akrobatennummer. Er tanzt vor und über den Tigerhaien wie ein Dompteur zwischen Raubkatzen. Noch ging immer alles gut, denn der Mann versteht sein Handwerk.

Der Tiger des Meeres

Haiexperte Harald Bänsch bezeichnet ihn als „Bad Guy“, als Bösewicht der Meere. Tigerhaie kommen in allen tropischen und gemäßigten Meeren vor, also auch im Mittelmeer. Dort sind sie zwar selten und pflanzen sich in diesem Lebensraum vermutlich auch nicht fort… aber sie schwimmen nun mal in Europas größte Badewanne hinein, entweder durch die Straße von Gibraltar oder durch den Suezkanal.
Tigerhaie gelten zu recht als die gefährlichsten Räuber in den Tropen. Manche Haiexperten stellen den Tigerhai hinsichtlich der Gefahrenpotenz noch vor den großen Weißen. Er besitzt das perfekteste und zugleich schauerlichste Gebiss aller Haie, denn seine Zähne sind oben wie unten identisch. Seine Beißkraft ist so groß, dass er jeden Schildkrötenpanzer mit Leichtigkeit knacken kann.
Gewicht und Körperlänge sind furchterregend. Mehr als 1,5 Tonnen bei über 9 m Länge können erreicht werden. Tigerhaie sind keine Nahrungsspezialisten wie Weißhaie, die bevorzugt Robben und Thunfische jagen. Der Tiger des Meeres ist ein Generalist und frisst alles. In Tigerhaimägen wurden Zementsäcke, Autoschilder, Konservendosen, Gummireifen und Plastikflaschen gefunden. Und natürlich auch Teile von Menschen. Er untersucht alles, was treibt und schwimmt auf Fressbarkeit. Das breite Nahrungsspektrum ermöglicht dem Tigerhai in allen Meeresbereichen zu überleben. Bei der Jagd auf große Wasservögel wie Albatrosse ist er besonderes erfolgreich. Anders als die großen Weißen sind Tigerhaie nicht vom Aussterben bedroht.
Mit Tigerhaien ist besonders als Schwimmer und Badender nicht zu spaßen. Seine Vorliebe in der Dämmerung aus der Tiefe nach oben zu steigen und auf Jagd zu gehen, machen abendliche Badeausflüge an exponierten und von Tigerhaien besuchten Riffen zu einem unkalkulierbaren Risiko. Auch Surfer sind bedroht.
Es war der 21. Oktober 2003 als die 13-jährige Bethany Hamilton am Strand von Makua-Beach auf Hawaii surfen ging. Das junge Mädchen lag bäuchlings auf dem Surfbrett, und ließ den linken Arm im Wasser baumeln. Urplötzlich war es aus mit der Idylle. Ein riesiger Schatten schoss an die Oberfläche und trennte den Arm mit einem Biss nahe der Schulter ab. An Hand der sauber geschnittenen Fleischwunde und der Zahnspuren schlossen Haiexperten auf den Angriff eines Tigerhais von ca. 3 m Länge.
Die tigerartig gestreifte Musterung, an der man die Räuber auch als Laie sofort erkennen kann, verblasst mit dem Alter. Taucher, die einem Tigerhai begegnen, sollten nicht in Panik verfallen. Das gefährliche Tier ist gegenüber Tauchgruppen eher scheu und zurückhaltend. In der Regel kann man ihn mit einem Haistock oder einer großen Kamera in Schach halten…muss aber gute Nerven haben. Insbesondere darf man sich nicht an die Wasseroberfläche drängen lassen. Dort verliert der Tigerhai alle Hemmungen. Die ruhige und gemächliche Schwimmweise des massigen Knorpelfisches sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er bei Bedarf eine erstaunliche Beschleunigung erreichen kann und ein einmal anvisiertes Objekt mit Nachdruck und Ausdauer angeht.

Infos

Anreise: Zielort ist West-Palm-Beach in Florida.
Die Tigerhaireise zu Jim Abernethy kann in den Monaten Januar / Februar auch mit dem Besuch der Manatees in Cristal Water kombiniert werden.

Schiff: Die M/S Shearwater ist eher ein kleines Schiff, das maximal 10 Tauchern Platz bietet. Im Prinzip lebt man hier wie ein Hering in der Dose. Die Kabinen sind klein und eng. Die größte dieser Grabkammern besitzt vier Betten mit je einem Vorhang. Individualismus gibt es nur auf der Toilette. Es ist allerdings auch keine Kreuzfahrt, auf die man sich mit Abendkleid und Smoking begibt, sondern eine Abenteuertour. Buchen sollten deshalb nur Menschen, die anpassungsfähig sind und über eine hohe Toleranzschwelle verfügen.

Essen: Amerikanisch, aber deshalb nicht unbedingt schlecht oder minderwertig. Den üblichen Hamburgern und auch den Eiern mit Speck kann man je nach Gemütszustand durch den Verzehr von Pfannkuchen oder einem grausigen Brot entgehen. Allerdings: Der Koch ist nicht schlecht. Seine Spaghetti waren al dente und der Kartoffelbrei wirklich sehr gut. Salate und auch Suppen können als delikat bezeichnet werden. Zum Dessert gab es immer Kuchen und Eis mit Schokosauce. Nichts zum Abnehmen, trotz des Tigerhaistresses.

Equipment: Die eigene Tauchausrüstung sollte mitgebracht werden. INT-Adapter nicht vergessen und auch den 110 V Adapter zum Laden der Blitze und Videoleuchten nicht zu Hause lassen. Jim lässt niemanden mit farbigem oder hellem Tauchanzug ins Wasser. Nehmen sie also gedeckte bzw. unifarbene Kleidung und wenig auffallende Flossen mit. Auch eine schrille Tauchmaske ist nicht gern gesehen.

Gesundheit: Auf den Bahamas und in Florida ist die ärztliche Versorgung sehr gut. Es herrschen amerikanische Standards. Eigene Medikamente wie Pillen gegen die Seekrankheit sollten mitgebraucht werden. Malaria gibt es nicht.
Eventuell sollten Sie eine Auslandskrankenversicherung abschließen. In den USA wird die ärztliche Behandlung zumindest bei Auslandspatienten fast immer in bar abgegolten.

Tauchen: Wahlweise mit Luft oder Nitrox. Nitrox muss allerdings extra bezahlt werden…und das nicht zu knapp. Vor Beginn der Reise muss man diverse Blätter unterschreiben, auf denen man sich verpflichtet, auf eigene Risiko zu tauchen. Tauchequipment kann ausgeliehen werden. Man muss das aber vorher bekannt geben. Auf dem Schiff sind nur begrenzte Verleihmöglichkeiten gegeben.
Dekotauchtänge sind nicht vorgesehen, sie können aber vorkommen, wenn man sich bei den karibischen Riffhaien zu lange in der Tiefe aufhält. Hier macht Nitrox dann Sinn. Bei den Tigerhaien nicht.

Touren: Jim Abernethy hat diverse Tauchabenteuer im Programm. Tigerhaie, Hammerhaie, Longimanus-Tour, Delfine und Bullenhaie. Die Trips werden je nach Jahreszeit unternommen, sind aber vom Wetter abhängig und den Wanderungen der Tiere. Normalerweise dauert eine Haitour eine Woche. Längere Ausflüge sind nach Absprache möglich.

Preise: Heftig bis deftig. Die USA und noch mehr die Bahamas sind ein teures Pflaster, wo die Dollars nur so vom Winde verweht werden. Haie hautnah muss man sich was kosten lassen. Wer als Fotograf oder Filmer einmal die Rollen und Speicherkarten mit gefährlichen Räubern füllen möchte, ist hier genau richtig. Für das viele Geld bekommt man nämlich eine Menge geboten.

Infos und Buchung: www.scuba-adventures.com 

Interview mit Jim Abernethy

UWW: Jim, wie gefährlich sind Tigerhaie?

J. A.: Unterschiedlich, es hängt stark von der Größe der Haie ab. Wir haben hier gelegentlich einen Tigerhai, den wir Schulbus getauft haben. Er ist etwa 8 m lang und wiegt geschätzte 1,5 Tonnen. Wenn er auftaucht , ist es besser, man verlässt die Arena. Grundsätzlich gilt, wenn du dich als Schwimmer oder Schnorchler an der Wasseroberfläche bewegst, spielst du mit deinem Leben. Als Taucher – Auge in Auge mit dem Tigerhai – ist die Gefahr deutlich geringer. Der Tigerhai wird dich aber vermutlich mit seiner Schnauze anstupsen um festzustellen, ob du als Beute in Frage kommst. Wenn er in deine Kamera beißt, gib sie ihm und mach dich aus dem Staub. Versuche nicht mit ihm um das UW-Gehäuse zu kämpfen. Er wird immer gewinnen, denn du bist ihm in allen Belangen unterlegen.

UWW: Sind Tigerhaie lernfähig?

J. A.: Teils, teils. Sie erkennen das Motorgeräusch und die daraus resultierenden Frequenzen meines Tauchbootes. Das assoziieren sie mit Futter, denn wir servieren ihnen ja immer einen kleinen Happen. Tigerhaie haben aber vermutlich kein Erinnerungsvermögen an bestimmte Personen. Zum Glück durchschauen sie unserer Taktik mit dem Haistock und den Futterkisten sowie unsere Tricks mit den Kameragehäusen nicht, mit denen wir sie in Schach halten. Sie sind Gott sei dank nicht besonders intelligent. Ihr Verhalten wird ausschließlich von Instinkten geleitete. Wäre dem nicht so, würden sie uns gezielt angreifen und fressen. Dankbarkeit, Freundschaft oder Zuneigung kennen Haie nicht.

UWW: Sind bestimmte Haiarten aggressiv?

J. A.: Haie sind überhaupt nicht aggressiv! Wenn sie es wären, könnte man an keinem tropischen Riff tauchen. Vordergründig machen sie Jagd auf alte, kranke und unvorsichtige Fische bzw. Wasservögel und Robben. Auch Aas steht auf ihrem Speiseplan. Dabei gehen sie instinktiv so vor, wie es ihrem Naturell entspricht. Seit Urzeiten ist das so. Menschen stehen deshalb nicht auf ihrem Speiseplan, was sie aber nicht davon abhält, gelegentlich einen zu beißen. Im Großen und Ganzen sind sie eher vorsichtig und zurückhaltend. Wenn du aber im offenen Meer einem großen Hai begegnest, ist immer Vorsicht geboten, weil diese Tiere in der riesigen Wasserwüste wenig Nahrung finden und zum Überleben alles untersuchen bzw. attackieren müssen. Wir haben schon hungrige Hochseehaie mit Äpfeln und Bananen gefüttert.

UWW: Kommt es vor, dass Haie Menschen fressen?

J. A.: Eher selten, Sie machen aber Probebisse, um festzustellen, ob wir ihnen schmecken. Meistens verlieren sie schon nach dem ersten Biss das Interesse, weil ihnen das Neopren unangenehm ist, aber auch unser knochiges Skelett ist nicht nach ihrem Geschmack. Wenn der Hai aber richtig zugepackt hat, stirbst du am Blutverlust und am Schock. Die einzige Ausnahme ist der Tigerhai. Als Allesfresser sind ihm auch Menschen willkommen, wenngleich er nicht potentiell Jagd auf sie macht. Aber das macht ihn zum gefährlichsten Raubtier der Meere.

UWW: Es gibt Biologen, die behaupten, Haie seien harmlos und etwa so gefährlich wie Schäferhunde.

J. A.: Blödsinn! Haie sind Raubtiere und alles andere als harmlos und schon gar nicht ungefährlich. Die großen Arten wie Longimanus, Tigerhai oder der Weiße sind grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen. Du kannst mit ihnen tauchen und sie fotografieren, darfst aber keine Fehler machen, sonst bist du fällig. Einen solchen Fehler hat beispielsweise der Haiexperte Erich Ritter gemacht, als er im Flachwasser zwischen Bullenhaien stand und sie studierte. Seitdem hat er nur noch eine Wade. Dabei hat er noch Glück gehabt. (siehe UWW – Beitrag Unfall Erich Ritter)
Auch die angeblich so friedlichen Ammenhaie können sehr ungemütlich werden, wenn man sie reizt oder ihnen den Fluchtweg abschneidet. Sie saugen sich in deinem Arm oder Fuß fest, verursachen hässliche Quetschwunden und lassen nicht mehr los. Dann hast du ein Problem.

UWW: Viele Taucher halten die karibischen Riffhaie für niedliche Haustierchen, die man sogar als Urlauber mit der Hand füttern kann.

J. A.: Diese Einstellung sollte man tunlichst ablegen. Die karibischen Riffhaie sind Rudeljäger. Das macht sie latent gefährlich. Wenn sie eine Beute ausgemacht haben, wird diese sekundenschnell zerfetzt… ob Fisch oder Mensch. Man nennt das Feeding Frenzi, also Fressrausch. Sie benehmen sich dann wie Piranhas. Tigerhaie machen das übrigens nicht, weil es überwiegend Einzelgänger sind.

UWW: Haben Haie eine Sprache, wie manche Haiforscher behaupten oder annehmen und kann man mit ihnen kommunizieren?

J. A.: Ich hab was gegen solche Mystifizierungen. Haie kommunizieren natürlich untereinander, jedoch auf einem sehr niederen Niveau. Ebenso besitzen sie ein soziales Verhalten. Aber ein sehr primitives, denn die kleineren werden von den größeren gefressen, wenn sie unvorsichtig sind oder die Situation falsch einschätzen. Haie sind geborene Kannibalen. Der Kleinere muss dem Größeren weichen. Das ist die soziale Rangordnung. Dass jemand mit Haien sprechen kann oder sie versteht, ist Bullshit. Man kann zwar ihr Verhalten studieren und gewisse Schlüsse daraus ziehen, dennoch bleibt vieles vage und ungeklärt.

UWW: Kann man Haie abrichten oder dressieren?

J. A.: Abrichten bedingt. Sie sind aber ausschließlich futterorientiert. Dressieren wie Delfine oder Orcas kann man Haie nicht. Dafür sind sie schlichtweg zu blöd.

UWW: Was soll man von den Zitronenhaien halten, die zwischen den Tauchern und den Tigerhaien umher schwimmen?

J. A.: Sie sind eher friedlich, aber man muss trotzdem aufpassen. Immerhin werden sie 3 m lang. Ihr Gebiss kann fürchterliche Wunden reißen. Außerdem sind sie schnell und wendig. Im Fressrausch können sie gefährlich werden. Dann sollte man den Rückzug antreten.

UWW: Du machst Tigerhaitauchen seit vielen Jahren und noch nie ist dir oder einem deiner Gäste etwas passiert. Ist das nicht erstaunlich?

J. A.: Es liegt daran, dass wir nur ein überschaubares Risiko eingehen. Die Gäste dürfen niemals die Köderkisten berühren, wir haben alle einen Haistock und große Kameras mit uns. Außerdem kleiden wir uns dezent und unauffällig. Die Tigerhaie sind auf die Köderkisten fixiert. Das schützt uns vor unkalkulierbaren Angriffen.
Wenn der Tauchgang mit den Tigerhaien unübersichtlich wird, weil zu viele da sind oder uns die Einzeltiere extrem groß vorkommen, verlassen wir das Wasser. Bis jetzt ging immer alles gut und wir hoffen, dass es auch so bleibt.

UWW: Wusstest du, dass Haie im Grunde keine Fische sind?

J. A.: Von mir aus. Ob Haie Fische, Würmer oder Nacktschnecken sind, ist mir persönlich egal. Sie sind gefährlich, was immer man in ihnen wissenschaftlich zu sehen glaubt.

 

Zitronenhaie

UnterWasserWelt – Chefredakteur Michael Goldschmidt machte auf den Bahamas seine eigenen Erfahrungen mit Zitronenhaien, die ein erstaunliches Verhalten zeigen, das die Unterstellung fehlender Intelligenz bei Haien in Frage zu stellen erlaubt.

Er war vor ein paar Jahren, als ich für eine ARD – Fernsehproduktion einige Tage auf den Bahamas, genauer auf Walkers Key, verbrachte um den Haiforscher Erich Ritter mit der Videokamera bei seiner Arbeit unter Wasser zu begleiten. Das war vor Erichs Unfall, der von Gary Adkison im April 02, wie sich erst Monate später herausstellte, fahrlässig für die Produktion medienwirksam prickelnder Fernsehbilder provoziert worden war. Wie dem auch sei, Gary verließ Walkers Key nach einem Zerwürfnis mit dem Eigner des Resorts, in dem er die Verantwortung für den Tauchbetrieb und die Marina hatte mit unbekanntem Ziel, 2004 erledigte ein gewaltiger Hurrikan, der auch Florida arg in Mitleidenschaft zog den Rest und fegte auf Walkers weg, was nicht niet- und nagelfest war.
Walkers Key war für Erich Ritter wegen des ständigen Vorkommens von Karibischen Riffhaien, Zitronenhaien, Bullenhaien und Ammenhaien ein idealer Ort für seine wissenschaftliche Arbeit als Verhaltensforscher. Bis dato hatte sich keiner der führenden Haiwissenschaftler selbst unter Wasser begeben um die Haie, die sie zum Mittelpunkt ihrer Arbeit gemacht hatten dort zu beobachten, wo sie normalerweise ihr Leben fristen. Viele, durchaus streitbar vorgebrachten Untersuchungsergebnisse, Erkenntnisse und Prognosen leitete man von toten Exemplaren ab oder von dem, was man in künstlicher Umgebung eines Aquariums als auf das Verhalten in freier Natur uneingeschränkt übertragbar erachtete. Erich Ritter betrat mit seiner Feldforschung an Haien unter Wasser, inmitten deren Lebensraums absolutes Neuland, was von den wissenschaftlichen Platzhirschen mit großem Argwohn beobachtet wurde und aus Angst vor dem Schwinden des öffentlichen Interesses an ihrer Meinung entsprechend hintertrieben wurde.

„Zitronenhaie sind äußerst schlau, muss ich dir sagen. Sie nähern sich meiner Beobachtung nach immer von hinten an das Objekt ihres Interesses. Und frag mich bitte nicht, woher sie wissen, wo bei dem, was sie interessiert hinten und vorne ist.“ So machte mich Erich mit den Eigenarten der Zitronenhaie bekannt, die saisonal auch immer zu zweit auf die Pirsch gehen.
Also war ich vorgewarnt für Dreharbeiten, die Erich und Gary bei nächtlichen Aktivitäten zum Studium des Haiverhaltens ufernah vor Walkers zeigen sollten, Vorkehrungen zu treffen. Mein professionelles Videoequipment mit Lichtanlage, das einsatzbereit mehr als 25 Kg wog, wurde auf einem Betonblock in etwa 1,5 Meter Wassertiefe aufgebaut und zusätzlich mit weiteren 15 Kg Blei beschwert. Das sollte stabil genug sein stationär Impressionen einzufangen, die durch anlockende Futterbrocken, die vor das mit Superweitwinkel ausgestattete Gehäuse geworfen wurden, entstehen würden. Gary würde Erich bei seinen Unterwasseraktivitäten begleiten und ihn dabei filmen.
Da ich für mein Drehequipment viel Geld bezahlt hatte, wollte ich es auch nicht so ohne weitere Sicherung auf dem Betonblock stehen lassen und band ein Bergseil mit einer Bruchlast von 1,5 Tonnen daran fest, dessen anderes Ende ich am Ufer stehend in der Hand hielt. Meine Kollegen von der „Überwasserfraktion“, die das ganze Schauspiel vom Trockenen aus filmten, belächelten meine Vorsicht gönnerhaft.
Erich und Gary waren im Wasser, meine Kamera lief mit einem Bandvorrat von einer Stunde, das starke Videolicht entriss einen großen Ammenhai aus der Dunkelheit des nächtlichen Meers, der einen Köderbrocken vor dem Objektiv aufsammelte.
Ich spürte einen Zug am Seil in meinen Händen, konnte aber im Wasser nichts erkennen. Gary tauchte auf und rief mir zu, dass zwei Zitronenhaie hinter meiner Kamera seien und einer am Seil „nagen“ würde.
OK, ich hielt das Seil derart vorgewarnt fester in den Händen und kurz darauf wurde auch der Zug stärker, ruckartiger und immer vehementer, bis ich es nicht mehr halten konnte. Das Seil wurde mir entrissen und im nächsten Moment ging das Videoanlage unter Wasser mit großem Tempo auf Fahrt. Dank der eingeschalteten Lichtanlage, konnten wir das Spektakel eine kurze Weile mitverfolgen, bis es im dunklen Wasser verschwand.
Aufgeregt kam Gary näher: “Wir haben weinen neuen Kameramann! Ein Zitronenhai nahm das Gehäuse mit Lichtanlage und Bleiballast von hinten ins Maul und düste ab! Ich schau nach, wo das Equipment jetzt ist, vielleicht haben wir Glück und sie haben es nicht zu weit weg fallen lassen, weil es nicht fressbar ist. Die Lichtanlage sollte uns den Weg weisen können!“ Und mit den Worten drückte er mir das abgefressene Bergseil in die Hand.
Und tatsächlich, nach kurzer Zeit kam Gary mit meinem Drehequipment an Land, an dem noch ein Stück des Seils hing. Bissspuren am Gummiring des Okulars und am Flügel der Lichtanlage bestätigten auch für Zweifler, dass diese Geschichte kein Seemannsgarn war.
So schnell wie heute waren wir noch nie in Garys Basis und dort im Computerraum, der mit Rekordern, Schnittanlage und Bildschirmen keine Wünsche offen ließ hochwertige Videos zu produzieren.
„Schaun wir uns mal an, was Kollege Zitronenhai so gedreht hat,“ meinte Erich. Ein kleine Sensation lag in der Luft.
Das Band lief und zeigte den Ammenhai hautnah fressend auf dem Monitor. Dann ein Rumpler und im Moment, in der die Kamera bewegt wird – nichts mehr.
Mit einem seiner vielen Zähne war der Hai auf die Powertaste des Amphibico – Gehäuse geraten und beendete seine Karriere als UW-Kameramann noch bevor sie begonnen hatte.
„Tja, die Kerle sind schlau, die Feinheiten der Technik kennen sie aber noch nicht.“ Erich und wir alle waren erst einmal enttäuscht.
Und doch, dieses Beispiel unterstreicht die Beobachtungen, dass Zitronenhaie den für sie sicheren Weg der Annäherung von hinten an ein Objekt ihres Interesses bevorzugen, weiß der Himmel, wer oder was ihnen das Know How vermittelt.

 Herbert Frei & Michael Goldschmidt