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© Michael Goldschmidt

by Michael Goldschmidt 9.03 / 12.06

Alle Hektik ablegen, die Zeit vergessen und sich treiben lassen, schwebend im Wasser dahingleiten, Walgesängen lauschen oder die Musik im ganzen Körper spüren, die die Becken in der Toskana Therme von Bad Sulza erfüllt, „Liquid Sound“ heißt das Geheimnis, dem wir nachgegangen sind und dabei die Kunst der Langsamkeit erlernten.

Was uns erwartete, um selbst dem Alltagsstress zu entfliehen, war durch Prospekte und den Besuch verschiedener Webseiten zumindest angedeutet. Das Phänomen „Liquid Sound“ wurde uns in der Toskana Therme von Kulturdirektor Micky Remann selbst, der die Idee zur vollkommenen Entspannung in körperwarmen Salzwasser im genialen Zusammenspiel von akustischen und optischen Eindrücken bereits zu Beginn der 90er Jahre entwickelt hatte, nahegebracht.
Man könnte das Ergebnis seiner Idee schlicht als Badekultur umschreiben, doch das wäre zu einfach. Freizeitbäder, in denen aus Unterwasserlautsprechern Popmusik ans Ohr der zufällig Untertauchenden quäkt, gibt es viele.
Anders in Bad Sulza, modernste Hochleistungslautsprecher senden die akustische Untermalung ins Wasser und in den Raum, der Salzgehalt des Thermalbades nähert sich dem des Toten Meeres, man legt sich aufs körperwarme Wasser, schwebt, schließt die Augen und horcht ins Wasser, in sich hinein, lauscht der Musik oder den Tierstimmen. Sphärenklängen oder Walgesängen, Vogelstimmen, Klangelementen. Jazz, Klassik oder Karibiksound wechseln in einem täglich neu zusammengestellten Programm, dessen Elemente auf Computerfestplatten gespeichert für mehr als 200 Stunden die akustische Grundlage des Vollkörpererlebnisses bilden.
Dem Frankfurter Künstler Micky Remann, der nun seit 13 Jahren seine Heimat in der thüringischen Provinz, in Bad Sulza mit seinen 3500 Einwohnern, unweit von Weimar gefunden hat, gelang es das Erlebnis Wasser mit anspruchsvoller Kultur zu verbinden. Ein Experiment – nein es ist mittlerweile Standard für eine intelligente Zusammenführung sinnlichen Komponenten, das mittlerweile einen zweiten Standort in Bad Schandau, nahe Dresden gefunden hat und im Tagesdurchschnitt etwa 1000 Gäste nach Bad Sulza zieht, nicht nur aus der näheren Umgebung oder  auf Deutschland begrenzt.
Fast scheint es Tradition zu haben, dass in dieser Region Thüringens Künstler aus Frankfurt geniales schaffen, so wie einst Goethe in Weimar. Zweifelsohne wäre der Dichterfürst von der Toskana Therme inspiriert zum Dauergast in Bad Sulza geworden, doch leider blieb ihm dieses Erlebnis versagt, dafür gab es hier bereits eine Goethelesung unter Wasser, der die schwebend treibenden Zuhörer auf fühlbarer Weise lauschten.
Und tatsächlich ist es so, dass die akustischen Eindrücke, die durch das Wasser auf den gesamten Körper einfließen, eine starke traumhafte Verinnerlichung des gefühlt Gehörten vermitteln. Selbst über den besten Kopfhörer kann die akustische Wahrnehmung nicht so intensiv geliefert werden, da spielt es letztlich keine Rolle, dass man unter Wasser Stereoeffekte nicht darstellen kann, weil die Schallgeschwindigkeit dort höher ist, als an der Luft.       
Die Toskana Therme ist kein Spaßbad und auch nicht Ziel des klassischen Familienausflugs. Wir sehen nur wenige Kinder, obwohl diese natürlich auch willkommen sind. Unter dem geschwungenen Zeltdach der Therme, dessen architektonischer Vater auch der Schöpfer des Zeltdachs im Münchner Olympiagelände ist, verlangsamt sich alles. Hier wird nicht gerannt, im Wasser zieht man keine stoisch absolvierten Trainingsbahnen, hier lässt man sich treiben, schließt dabei die Augen und entwickelt nach einiger Zeit der Erfahrung auch den Mut beim fließenden Körperkontakt mit anderen im Wasser treibenden Gästen nicht erschreckt hochzufahren, sich zu entschuldigen. Weitertreiben, loslösen vom störenden Alltag, das Gefühl auf sich wirken lassen vom körperwarmen Wasser getragen zu werden, eins zu sein mit der wiegenden Welt, in der die Klänge schweben, in der man selbst schwebt, das ist Entspannung pur und die Zeit verfliegt unbemerkt, man döst, schläft vielleicht auch einmal ein.
Die Sinnlichkeit in den Becken der Toskana Therme zu treiben kann durch keinen Tauchgang im Meer übertroffen werden. Befreit von aller Technik, nur mit Bikini oder Badehose bekleidet, erlebt man auch aus der Sicht begeisterter Taucher das Element Wasser völlig neu. Strebt man sonst in die Tiefe und sucht man nach den optischen Reizen, den bunten Korallen oder der Begegnung mit Mantas, Haien, so genügt hier mit dem Wasser, Klängen und Farben eins zu sein. Denken wir darüber nach kommt uns das Endes des Films „Big Blue“ in Erinnerung, dort schließt sich in großer Tiefe der Apnoetaucher den Delfinen an... Unser Glückserlebnis hat nicht diese Endgültigkeit, kann aber bis zu 14 Stunden dauern, an Tagen mit Vollmond sogar 16 Stunden. Bei speziellen Events, die alle mit Live - Musik oder DJ – Konzerten verbunden sind,  ist die Toskana Therme bereits 36 Stunden geöffnet gewesen. Kulturdirektor in einem Bad, auch das ist einmalig. Nicht ohne Stolz verweist Micky Remann in unserem Gespräch auf die unzähligen Konzerte, die von unterschiedlichsten Künstlern in der Toskana Therme vor treibendem Publikum gegeben wurden, ausschließlich finanziert durch die vielen Gäste und ohne Zuschüsse von außen und das bei noch moderaten Eintrittspreisen wie € 19.- für die Tageskarte. Über eine solche Bilanz würden sich das Gros der Freizeitbäder Deutschlands freuen.

Das besondere Highlight der Therme ist zweifellos der Liquid Sound Tempel, ein runder Kuppelbau mit 18 Metern Höhe, der in einem runden Becken, abgeschirmt vom Tageslicht und mit Lichteffekten versehen, die Badenden in seinen absoluten Bann zieht. Hier erfährt das Projekt Liquid Sound seinen uneingeschränkten Höhepunkt, man schaltet ab und klinkt sich vom Rest der Welt aus. Man fühlt sich intim und geschützt, unverletzlich und schwerelos. Gefühl pur.
Jeden Freitag Abend können hier maximal 35 Gäste ein klassisches Konzert unter Wasser hören, ein Termin, der stets ausgebucht ist. Nach einer knapp halbstündigen Einführung der Gäste durch Micky Remann darf man knapp bekleidet den nassen Konzertsaal betreten. Uns erwarten Mozart, Schubert, Bach, Beethoven und Walgesänge. Die warm fließende Abgeschiedenheit des Kuppelbaus, der in sanftes, farbiges Licht getaucht ist, schafft völlig neuen Zugang zu den Kompositionen der klassischen Meister. Und dann zwischendurch die Berührung durch die Muse des Konzertabends, die Aqua – Wellness vermittelt, sanfte Entspannung des Körpers, der in seinem freien Treiben auf dem Wasser dann auch eine neue Richtung nimmt. Wer das erfahren hat, der tut sich schwer zukünftig bei Konzerten wieder einen dunklen Anzug zu tragen um reglos dem Tun des Orchesters zu folgen...   

Obwohl im körperwarmen Wasser nie ein Gefühl der Kälte entsteht und die Raumtemperatur der Wassertemperatur gleich 35° C hat, kommt gelegentlich der Wunsch nach einer Ortsveränderung auf. Vielleicht mag nach all der Entspannung der sprudelnde Kick eines Whirlpools locken, davon gibt es vier in der Therme. Sprudelliegen, Massagedüsen, Wassersprudel und Erlebnisduschen bieten in den Becken des Innen- und Außenbereich genügend Abwechslung. Eines darf nicht unerwähnt bleiben, es riecht nirgends nach Chlor und so kommt das Gefühl in einem klassischen Bad zu verweilen erst gar nicht auf.

Ein besonderes Erlebnis ist der Wechsel vom Tag zur Nacht. Bei Anbruch der Dämmerung übernimmt auch in der großen Halle eine Lichtanlage die Steuerung und taucht die Becken und Teile der Hallendecke in intensiv wechselnde Farben. Ja, und wieder der Bezug zum realen Tauchen, Micky Remann hatte einen Tauchkurs absolviert um frei lebende Delfine an der Küste der Bretagne zu treffen. Und das gelang ihm tatsächlich, unter nicht einfachen Bedingungen, doch davon schwärmt er heute noch, als sei dies erst ein paar Stunden her...

Natürlich bietet die Therme auch weitere Entspannungsmöglichkeiten. Die Sauna hat neben drei unterschiedlich temperierten Bereichen natürlich auch ein Dampfbad, Kaltwasserbecken und einen abgeschirmten Außenbereich mit Zugang zur Liegewiese.

Nachdem die Toskana Therme auch weit über den Einzugsbereich anziehend wirkt, wird für den Aufenthalt dort wenigstens eine Übernachtung eingeplant werden müssen. Angenehm dafür ist das „Hotel an der Therme“ mit direktem Zugang zum Bad. Dieses ist häufig ausgebucht, so dass es sich empfiehlt hier frühzeitig zu reservieren. Es gibt ein zweites Hotel, das „Hotel an der Klinik“, das in erster Linie Gäste des Kurbereichs beherbergt. Allerdings spürt man in diesem Haus deutlich die Klinikanbindung, so dass man vom Flair der Stunden in der Therme hier wenig verliert.

Aktuell hinzugekommen ist das Resort Schloss Auerstedt, drei Kilometer von Bad Sulza entfernt. In 15 attraktiv eingerichteten Ferienwohnungen können die Gäste dort ungestört im historischen Umfeld des ehemaligen Ritterguts ihren Urlaub verbringen. Die im Obergeschoss der ehemaligen Nebengebäude integrierten Ferienwohnungen bieten Familien mit Kindern und Paaren im ausgesucht gestalteten Ambiente großzügige Wohnräume Küchen, Bäder und Schlafzimmer. Sehr hübsch sind die Maisonett – Wohnungen mit offenem Schlafbereich im Obergeschoss gestaltet. Im Sommer lädt ein Schwimmteich zur naturnahen Erholung gleich hinter den Ferienwohnungen.
Man kann dort abschalten und ist auch abgeschaltet, Mobiltelefone haben keinen Empfang und Zimmertelefone sind nicht installiert. Wer glaubt selbst im Urlaub kommunikationsabhängig zu sein, der sucht sich das Telefonnetz am besten bei einem kleinen Spaziergang durch Auerstedt, eine ideale Gelegenheit den bereits weltbekannten Weidenrutenpalast zu besuchen um unter Kuppeln aus lebenden Weiden gebildet, ein Stück mittelalterlich mystischer Szenerie auf sich wirken zu lassen.
Mehr als nur für das leibliche Wohl sorgen Kati und Frank Reinhardt, die im zum Resort Schloss Auerstedt gehörigen Restaurant, das historische Ambiente mit zum Augenschmaus werden lassen, während die Küche regionale Spezialitäten und internationale Kreationen im gehobenen Stil serviert. Dazu mehr in unserem Magazin Dive & Dine...

Eine Führung durch das Kutschenmuseum bietet so einiges an Hintergrundwissen zu diesen nicht sonderlich komfortablen Fahrzeugen der jüngeren Vergangenheit, man sollte dies nicht versäumen. 

Architektonisch angenehm auffällig ist die brasilianischen Vorbildern nachgebaute Maloca, die als Konferenzcenter und als Raum zur Ausrichtung größerer Feiern gebaut wurde. Die Bildfolien in den Fenstern zeigen Szenen rund um das napoleonische Leben und die  Heerführer der Schlachten bei Auerstedt und Weimar 1806, die der französische Kaiser für sich entschied. 

Verbindet man den Aufenthalt in der Therme allgemein mit kulturellem Interesse, so kann man sich im nahen Weimar (28 km) die Sehenswürdigkeiten und Wirkungsstätten des Johann Wolfgang von Goethe besichtigen. Aber auch Friedrich von Schiller, dem man in Weimar bedauerlicherweise nicht so viel Aufmerksamkeit schenkt wie Goethe, wirkte dort und beide sind in der Fürstengruft einträchtig nebeneinander zur letzten Ruhe gebettet. Goethe wurde dieses Privileg sofort zuteil, Schiller verbrachte man erst später an die Seite des Geheimen Rats. Wer sich den Ausflug in den Park an der Ilm sparen möchte um Goethes Gartenhaus zu bewundern, der kann dies auch gleich neben der Toskana Therme tun, dort steht ein originalgetreuer Nachbau.
Im Weimarer Theater wurde einst die Weimarer Republik ausgerufen, diesem gegenüber ist das Bauhaus – Museum untergebracht. Doch auch Franz Liszt, Johann Sebastian Bach oder Lukas Cranach verbrachten eine schaffensreiche Zeit in der Kulturstadt Europas 1999, deren Stadtkern für dieses Festjahr gründlich renoviert worden war.

Fazit

Die Toskana des Ostens, so benannt nach seinen überdurchschnittlich vielen Sonnentagen, der Hügellandschaft und dem kleinen Weinanbaugebiet an Saale und Unstrut, lockt mit der Toskana Therme Gäste, die im Wasser Erholung und Entspannung suchen. Mit Liquid Sound ist eine geniale Form des Wassererlebnisses geschaffen worden, die auch – oder gerade Taucher – das Medium Wasser völlig neu erleben lässt. Ein Erlebnis für alle Sinne, von dem man nur schwer lassen kann. 
 

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