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Meereschildkröten

In aller Stille nähert sich eine der ältesten Tierarten dieses Planeten ihrem Aussterben. Millionen von Jahren widerstanden die Meeresschildkröten erfolgreich allen Veränderungen, die ihre Lebensräume neu gestalteten. Nicht Mangel an Anpassungsfähigkeit oder Krankheit sind Gründe hierfür sondern Habgier, rituelle Opfer und Unwissenheit. UnterWasserWelt wurde mit der Situation der Meeresschildkröten hautnah in Brasilien und Indonesien konfrontiert. Was wir erlebten, hat uns tief berührt.

Brasilien: Projeto Tamar

Als wir das Flugzeug in Richtung Sao Paulo bestiegen, konnten wir uns noch keine Vorstellung machen, was uns in Brasilien als Schutzprogramm für Meeresschildkröten erwarten könnte. Was ist in einem Land mit schwerwiegenden wirtschaftlichen und damit verbundenen erheblichen innenpolitischen Problmen zum Schutz von Meeresschildkröten schon möglich? Gibt es im Artenschutz noch Wunder oder sind es nur punktuelle Aktionen, die umfassende Erfolge vortäuschen?

Die Überraschung ist schon an unserer ersten Station, in Praia do Forte, gross. TAMAR, das brasilianische Artenschutzprogram für Meereschildkröten unterhält dort eine der mehr als 22 Stationen, die landsweit an der Atlantikküste und auf der Hochseeinsel Fernando de Norona (vergleichbar zum deutschen Helgoland), eingerichtet sind.

Alle TAMAR - Stationen sind als Besucherzentren ausgelegt, in denen nicht nur verschieden alte Meereschildkröten und Nester hautnah zu beobachten sind, es gibt Räume, in denen Informartionsfilme und Diaschauen vorgeführt werden, kleine Museen und den wichtigen Souveniershop, durch dessen Einnahmen ein Großteil der TAMAR - Aktivitäten bezahlt werden. Auf jeder Station forschen Wissenschaftler, zum Teil international besetzt, um das immer noch spärliche Wissen um die Meereschildkröten Stück für Stück zu erweitern.

Bis vor wenigen Jahren zeigte sich die Situation in Brasilien ebenso dramatisch, wie sie heute in den asiatischen Meeren angetroffen wird: Die Gelege der Meereschildkröten wurden systematisch geplündert und die erwachsenen Tiere wegen ihres Panzers und Fleisches gefangen und getötet. Ein nicht unerheblicher Teil der ohnehin spärlichen Einnahmen der Fischer, die mit einfachsten Booten ihre gefährlichen Fangfahrten unternehmen, wurde durch den Verkauf von Schildkröten und deren Eier erwirtschaftet.

Erst mit TAMAR, die massive staatliche Geldmittel erhält, und zusätzlich von Brasiliens grösster Ölgesellschaft PETROBRAS gesponsert wird, die sich natürlich das postive Image der Meeres-Schildkröten so zunutze macht, erfolgte ein grundlegender Wandel. Die brasilianische Bevölkerung identifiziert sich mit TAMAR und deren Zielen, hat das Schicksal der Schildkröten ständig vor Augen. Kein Urlaub in einem brasilianischen Küstenort, der nicht zum Besuch einer TAMAR - Station genutz wird.

Wie konnte dieser Sinneswandel erfolgen, fragen wir uns? Die Antwort zeigen uns die Mitarbeiter von TAMAR in Praja do Forte und später auch noch in Ubatuba. Aufklärung allein genügt nicht, ein Schildkrötenleben überhaupt erst wieder möglich zu machen. Der soziale Hintergrund hierfür muss stimmen. So wurden Fischer im zur Station gehörigen Küstenstreifen der von Schildkröten zur Eiablage aufgesucht wird, angestellt, den Strandbereich zu überwachen und Gelege zu markieren. Der Lohn dafür ist etwas höher, als früher der Erlös für die Schildkröteneier war. Doch das nicht allein. Man führt uns in einen Kindergarten mit Vorschule, der von TAMAR betrieben wird und weiter zu einem ehemaligen Fischer, der nun Schildkröten aus Pappmasché herstellt, der neben anderen handwerklichen Produkten im Souvenierladen von TAMAR verkauft wird. Auch die Junge Frau, 4 Kinder alleinerziehend, die Schildkröten aus Stoffresten näht und mit Sand füllt, hat Dank TAMAR ein bescheidenes Dach über dem Kopf.

Doch was macht nun TAMAR direkt für die Schildkröten? Neben dem Schutz der Nester gegen Freßfeinde, es werden großmaschige Gitter über den Nestern im Sand eingegraben, durch die schlüpfende Schildkröten problemlos passieren, werden zu nah am Ufer befindliche Nester in die Stationen umgesiedelt. Genaue Aufzeichnungen über die Menge der an Land kommenden Weibchen, die Menge der Nester und die Zahl der darin befindlichen Eier geben den Wissenschaftlern Aufschluss, wie es um die an diesem Küstenabschnitt an Land gehende Schildkröten-Population bestellt ist.

Messen, wiegen, mit einer nummerierten Marke versehen, kleine Gewebeproben entnehmen zur DNA-Analyse, das sind Aufgaben der Wissenschaftler, finden sie Schildkröten bei stundenlangen Schnorcheltouren, wie Claudio Bellini auf Fernando de Noronha, oder werden sie von Fischern informiert, die eine Schildkröte als Beifang in ihren Netzen haben.

Alle in mühevoller Kleinarbeit gewonnenen Daten, dazu die verhaltensforschenden Beobachtungen in freier Natur, fügen einen Mosaikstein zum nächsten, der das noch sehr lückenhafte Bild über die einzelnen Lebensphasen der Meeres aufweist.

Eines steht auf alle Fälle jetzt schon fest: Nach Jahren unaufhaltsamer Rückgänge bei der Menge von nestenden Schildkröten an Brasiliens Küsten, beginnen sich die Zahlen langsam umzukehren. Ein eindeutiger Erfolg der Bemühungen von TAMAR stellt sich ein. Da Schildkröten zur Eiablage immer an den Strand zurückkehren, an dem sie selbst geschlüpft

sind, können die positiven Entwicklungen objektiv überprüft werden.

Doch eines bereitet den Wissenschaftlern Sorge, nicht selten werden ihnen Schildkröten gebracht, die von einer Vielzahl von äusseren Geschwüren entstellt sind, die auch vor dem Befall der Augen nicht Halt machen. In wenigen Fällen kann diesen Tieren operativ geholfen werden, meist ist es aber für einen medizinischen Eingriff zu spät. Was der Auslöser dieser Erkrankung ist, die nicht nur hier vor der Küste Brasiliens beobachtet wird, ist noch völlig ungeklärt.

Aber nicht allein das öffentliche Interesse auf die Not der Meereschildkröten zu lenken, ist für TAMAR genug. Auch individuelle Engagements privater Natur sind von TAMAR angeregt und betreut worden. Da sich die in der Regel Nachts schlüpfenden Schildkröten am Licht orientieren, das ihnen den Weg ins Meer weisen soll, lassen sie sich von nahe am Strand befindlichen Neonreklamen, Strassenbeleuchtungen, Licht auf Terrassen und hinter Fenstern irritieren und ihren

mühevollen Marsch in eine tödlich falsche Richtung aufnehmen. Man hat sogar beobachtet, dass eben geschlüpfte Schildkröten direkt in die Flammen eines am Strand lodernden Feuers krabbelten. Hier hat TAMAR entlang der Neststrände dafür gesorgt, dass irritierende Lichtquellen abgedeckt, abgeschaltet oder in eine andere Richtung gedreht wurden.

Das Wunder von Brasilien scheint perfekt und unsere Überraschung ist gross. Was wir vorgefunden haben, hatten wir nicht erwartet. Das Engagement von TAMAR kann nur als vorbildlich bezeichnet werden. Die grosse Zahl freiwilliger Helfer, die Menge der auch internationalen Wissenschaftler, das Kunststück immer wieder die notwendigen Gelder für alle wissenschaftlichen und sozialen Massnahmen zu erwirtschaften beeindruckt uns nachhaltig. Hier wird heute schon mit Idee und System vorgegangen, ein Weg, wie er für den Artenschutz weltweit langfristig einzig gangbar sein wird.

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