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Medizinische Grundlagen

by Dr. Thomas Zeller, Fotos Dietmar Reimer 4.01

Während immer mehr Tauchschulen und Dive Center in Urlaubsgegenden das Tauchen für Kids anbieten, fehlen andererseits die harten Daten und Erkenntnisse über eventuell zu erwartende Langzeitauswirkungen auf den Organismus von Kindern und Jugendlichen.Man sollte daher sehr vorsichtig an die Materie herangehen, schließlich sind Kinder keine Erwachsenen in Miniaturformat. Die Gesetze der Tauchphysik lassen sich demzufolge auch nur in begrenztem Umfang auf sie anwenden. Nachfolgend möchte ich die Besonderheiten beim Kindertauchen herausarbeiten und Eltern den einen oder anderen praktischen Tipp für den Umgang mit den heranwachsenden „Hans Hass“ oder „Leni Riefenstahls“ an die Hand geben.

Der kindliche Organismus

Die Kälte ist der hauptlimitierende Faktor beim Kindertauchen vor allem in unseren Gegenden. Der Hals sowie der Kopf sind dabei die Hauptregionen des Kälteverlustes. Auch besteht beim Kind ein ungünstiges Verhältnis zwischen Körperoberfläche und Körpervolumen, was eine schnellere Auskühlung bedingt.

Man muss daher unbedingt auf eine ausreichende und gut sitzende Isolierung achten. Die Verwendung von zu großen oder alten Tauchanzügen vom Papa oder der Mama bringt nicht nur ein thermisches, sondern auch ein finanzielles Problem auf den Tisch. Dennoch muss auf adäquate Isolation geachtet werden.

Eine schlechte oder gar nicht funktionierende Thermoregulierung bedeutet im Umkehrschluss auch Probleme beim Tragen von Tauchanzügen in warmer Umgebung (Tropen). Es ist natürlich auch unbedingt auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten. Das kommt besonders in warmen Gefilden zum Tragen, in denen z. B. Durchfallerkrankungen mit Flüssigkeitsverlust häufiger vorkommen. Insgesamt betrachtet, bedeutet all dies: Kinder haben gegenüber Erwachsenen erheblich weniger Spielraum, was die Thermo- und die Flüssigkeitsregulation betrifft.

Lungensystem

Vom vierten bis zum achten Lebensjahr vermehren sich noch die Alveolen der Lunge. Vor Erreichen des achten Lebensjahres ist

daher aufgrund der noch nicht vollständig entwickelten Lungenfunktion die Möglichkeit eines Barotraumas der Lunge durch „gefangene Luft“ (air trapping) möglich. Vom Gerätetauchen sollte vor diesem Alter Abstand genommen werden. Bei noch nicht ganz vollständig entwickeltem Immunsystem treten häufig im Kindesalter auch Infekte der tieferen Atemwege auf. Wenn ein Kind hustet oder über vermehrte Schleimsekretion klagt, darf auf keinen Fall getaucht werden. Ab dem zwölften Lebensjahr dürften bei normal entwickelten Kindern und gut gemessenen Lungenparametern keine Probleme beim Gerätetauchen zu erwarten sein.

Herz und Gefäßsystem

Nach einer Studie weisen ca. 40 Prozent der sieben- bis achtjährigen Kinder ein offenes Foramen ovale auf. Natürlich wächst dieses nicht schlagartig am achten Geburtstag zu. Vor dem achten Lebensjahr ist also auch von der Herzseite her das Gerätetauchen nicht zu empfehlen.

Weiterhin ist die kindliche Belastbarkeit im Vergleich zum Erwachsenen aufgrund des höheren Ruhepulses eingeschränkt. Tauchgänge mit Strömung oder das Zurücklegen weiterer Strecken unter Wasser sind daher nicht ratsam.

Bewegungsapparat

Bei Tierversuchen mit Ratten wurde festgestellt, dass Dekompressionsschäden am wachsenden Knorpel ziemlich unwahrscheinlich sein dürften. Ob und inwieweit die Ergebnisse auf ein Kind übertragbar sind, kann nicht abgeschätzt werden. Schäden am Knochen- und Gelenksystem scheinen jedoch durch das Tragen schwerer Lasten eher aufzutreten als durch beim Tauchen auftretende Blasen.

Im Ergebnis heißt dies: Solange keine gesicherten Erkenntnisse über Blaseneinflüsse auf wachsendes Gewebe vorliegen, sollen in jedem Fall nur moderate Tauchgänge in Bezug auf Tiefe und Tauchzeit durchgeführt werden. Dabei ist eine langsame Aufstiegsgeschwindigkeit mit dementsprechenden Sicherheitsstopps absolut präzise einzuhalten.

Das Tauchequipment der Kinder sollte in jedem Fall wesentlich leichter als das der Erwachsenen sein, wobei die Flossen entsprechend der motorischen Kraft der Kinder eine angepasste Größe aufweisen müssen.

Psychologische Aspekte

Die emotionale Labilität und neurovegetative Instabilität, welche bis zum achten Lebensjahr charakteristisch sind, macht Reaktionen bei Kindern auf reale oder eingebildete Gefahren unvorhersehbar. Da sich Kinder in diesem Alter sehr auf ihr visuelles System verlassen, ist auf ausreichende Orientierung unter Wasser (in diesem Falle auch beim Schnorcheln) zu achten. Selbst um das elfte bis zwölfte Lebensjahr ist es oft schwierig zu beurteilen, ob und wie das „Kind“ sein Tun und Handeln real einschätzt.

Kindliche Verhaltensweisen unterscheiden sich aufgrund der fehlenden Erfahrung und der Abschätzung der Konsequenzen, die aus dem Tun erwachsen, ganz erheblich von denen der Erwachsenen. Sie handeln spontan und emotional. Diesem Sachverhalt muss vor allem in der Ausbildung Rechnung getragen werden. Ich beziehe daher in die Untersuchung zur Tauchtauglichkeit grundsätzlich die Eltern mit ein. Einerseits bekomme ich dabei Informationen über die „Vernunft“ des Kindes, andererseits kläre ich die Eltern über die mit dem Tauchen verbundenen Gefahren auf. Aus der Diskussion lässt sich dann in etwa abschätzen, wie es um das „Level der Vernunft“ des Kindes (und der Eltern) bestellt ist.

Hals-, Nasen- und Ohrenbereich

Erkrankungen des HNO- und Respirationstraktes kommen bei Kindern gehäuft vor. Hier muss also besonderes Augenmerk auf die Funktionstüchtigkeit des Systems gelegt werden. Das Barotrauma des Mittelohres ist beim Kindertauchen (aber auch beim Erwachsenen) einer der Hauptgründe für Rückschläge gerade in der Anfängerphase. Dies hat mit der besonderen Struktur der Eustach‘schen Röhre (Tube oder Ohrtrompete) zu tun, die im Kindesalter kürzer und flacher verläuft und auch aufgrund der häufigen Infekte der oberen Luftwege sowie der aufgetretenen Mittelohrentzündungen oftmals eine schlechte Funktion aufweist.

Die genaue Untersuchung der Kopf- und Halsregion, verbunden mit einer Endoskopie des Nasenrachenraumes, wie sie jeder HNO-Arzt ausführen kann, muss Bestandteil der Tauchtauglichkeitsuntersuchung sein. Auch eine Messung der Schwingungsfähigkeit des Trommelfells sowie eine Sonografie der Nebenhöhlen gehören bei mir als fester Bestandteil zur Untersuchung.

In problematischen Fällen mit Druckausgleichsproblemen habe ich auch hin und wieder zur Diagnostik und Schulung von Kindern unter permanenter Sicht aufs Trommelfell eine „Tauchfahrt“ in einer Druckkammer durchgeführt, um dem Problem auf den Grund zu kommen.

Die Durchführung der Tauchtauglichkeitsuntersuchung

Bei der Durchführung der Tauchtauglichkeitsuntersuchung gelten, was die Kontraindikationen betrifft, die gleichen Kriterien wie beim Erwachsenen. Ich persönlich achte auf etwas bessere Ergebnisse als beim Erwachsenen, da der Mangel an Körpergröße, Körperkraft und Erfahrung kompensiert werden muss.

Praktische Hinweise

Bis zum Erreichen der vorhergesagten 90 Prozent der Endgröße des Kindes sollte die maximale Tiefenbegrenzung bei 20 m liegen. Ich propagiere das Tauchen der Kinder mit Computer aus zwei Gründen: Die Kinder lernen, mit technischem Gerät umzugehen, und sind überprüfbar. Die Überprüfbarkeit bezieht sich auf die ihnen vor dem Tauchgang gestellten Rahmenbedingungen. Vor dem Tauchgang erfolgt die Vorgabe der maximalen Tauchgangstiefe. Während des Tauchganges kann sowohl der junge Taucher als auch der Begleiter durch wiederholte Kontrollen der momentanen Tiefe den weiteren Tauchgang den Gegebenheiten (Verfehlungen der Vorgaben) anpassen oder gegebenenfalls abbrechen. Durch unvermitteltes Abfragen der Tiefe soll das Kind eine Schätzung der momentanen Tiefe aufgrund der letzten Eigenkontrolle durchführen. Dies schult mittelfristig die Relation zur Tiefe und Umgebung beim Kind. Ergibt die Kontrolle des Computers nach Beendigung des Tauchganges eine Überschreitung der Tiefe um mehr als zwei Meter, soll der nächste Tauchgang ausgesetzt werden. Bei Überschreitung von mehr als fünf Metern wird der kleine Taucher für den Rest des Tauchurlaubes oder die nächsten Wochen „trocken bleiben“. Das erinnert an drastische Internatszeiten, stellt aber sicher, dass der kleine Taucher lernt, Verantwortung zu übernehmen und sein Tun zu überprüfen.

Ich empfehle maximal zwei Tauchgänge am Tag bei extrem konservativem Tauchgangsprofil, minimalen Aufstiegsgeschwindigkeiten und Sicherheitsstopps. Verboten sind JoJo Tauchgänge und natürlich Dekotauchgänge.

Zusammenfassung

Momentan gibt es noch zu wenig gesicherte Erkenntnisse, was das Tauchen im jugendlichen Organismus bewirkt. Ebenso ist über eventuell zu erwartende Langzeitschäden wenig bekannt. Die Rolle des Tauchmediziners ist daher für eine gesunde Entwicklung des Kindertauchens von ebenso großer Bedeutung wie für den Organismus des Kindes selber. Wer Tauchtauglichkeitsuntersuchungen bei Kindern durchführt, übernimmt eine sehr große Verantwortung dafür, dass aus den kleinen Tauchern gesunde große Taucher ohne Schäden werden. Es sollte daher alles getan werden, um diese Ziele zu erreichen.

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