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EDITORIAL

Michael Goldschmidt

Liebe Leserinnen und Leser,

der Zuschlag, um ein Doppelzimmer oder eine Doppelkabine allein zu belegen, ist wirtschaftlich durchaus begründbar. Leistet man diesen Obolus, wirkt er fast wie ein Ablassbrief, fast, denn man genießt die Vorteile schon im Diesseits.
Nicht immer ist mir bei Reportage Reisen dieses Privileg ohne Zutun gegönnt und alle Jubeljahre passiert es dann, dass das Schicksal auf Zeit zwei Menschen auf ein paar Quadratmetern zumindest nächtlich interniert. Das kann unauffällig gut gehen oder ein Höchstmaß an Gelassenheit abfordern.
Realsatirische Erlebnisse haben zumindest den Vorteil, dass man sich nicht das Hirn zermartern muss, eine unterhaltsame, komische, zum Lachen animierende Geschichte erfinden zu müssen. So bin ich dem Schicksal ja doch irgendwie dankbar für das jüngst Erlebte.
Wie immer fangen Geschichten ganz harmlos an. So auch diese. Der Flug aus München landete pünktlich, das Gepäck war augenscheinlich unbeschädigt angekommen, der Transfer zum Safariboot griff als passendes Zahnrad ins organisatorische Getriebe. Sogar das Boot lag wie erwartet vor Anker. Wie heißt es so schön, wenn es läuft, dann läuft's.
Ein winziger Rückschlag dann an Bord, die Kabine hat schon ein weiterer Gast bezogen. Zu spät für mich, zumindest das Bett an der Fensterseite zu belegen, diese Kabinenhälfte ist eindeutig vergeben. Der Blick auf das eingeschweißte Infoblatt der per Satellit zu empfangenden TV Programme auf dem Großbildschirm, macht deutlich, dass fast ausschließlich arabische Sender anzusehen wären. Ich muss gestehen, dass ich trotz unzähliger Aufenthalte in Ägypten bis heute keine Kompetenz erworben habe, solche Sendungen zu genießen oder gar zu verstehen. Aber es gibt da noch HORROR TV, auf der Fernbedienung unter 0011 anzuwählen. Noch ahne ich nicht, dass aus Nomen Omen werden wird und ich live den Trailer für dieses Programm miterleben werde.
Den Co der Kabine treffe ich erst eine gute Stunde später. Ich hätte sein Alter auf etwa 25 geschätzt,  er ist aber 37, teilt die Wohnung mit seiner Katze, wie er mir sofort erzählt, wirkt eher wie 18 und scheint irgendwie nicht von diesem Stern zu sein. Er ist als Freitaucher an Bord, es ist seine erste Safari und er war nur ein, zweimal in der Vergangenheit auf einem Tagesboot. Das ist alles kein Problem für mich. Und die ersten  Stunden fordern mir keinen besonderen Gleichmut ab. Er geht früh zu Bett, pflegt kein Nachtleben, mag keinen Alkohol - und keine Klimaanlage. Die hat er für die Nacht abgeschaltet. Die Schaltzentrale ist räumlich eindeutig seiner Kabinenhälfte zugeordnet, während ich langsam beginne, zum Testobjekt eines Niedrigtemperatur - Garprozesses zu mutieren. Ich gebe für mich die Losung aus, durchzuhalten und lasse mich durch das nicht wegzudenkende Röhren der starken Schiffsdiesel ablenken, das wenigstens meinen Tinitus überdeckt. Ich bin dankbar, eine Kur im Allgäu hatte das nicht geschafft.
Nach gefühlt schlafloser Nacht melden sich am frühen Morgen die Lebensgeister wieder, ich bin gar und liege in meiner eigenen Soße. Das andere Bett ist leer. Ich habe Zugriff auf den gesteuerten Klimawandel. Schluss ist mit dem Ausstieg aus dem Klimaabkommen, auch wenn vielleicht mein Mitbewohner ein Verwandter von Trump ist.... Ich werde nachdenklich. Das wäre ja fast außerirdisch...
Weil sich seine und meine Aktivitäten nicht synchronisieren, gibt es höchstens beim gemeinsamen Essen ein Wiedersehen. Er trägt ein T-Shirt, das auf einen bekannten Triathlon Wettbewerb hinweist. Er wird gefragt, ob er da teilgenommen hätte. Natürlich, seine Antwort, um nach einer Weile zu ergänzen, es sei aber langweilig gewesen und er würde das nicht mehr machen. Er wird gefragt, bei welcher Disziplin er teilgenommen hätte oder einen gesamten Triathlon..... Er war beim Radfahren... Welchen Platz er gemacht hätte... Er stand da in einer Kurve. Das wäre ein gefährlicher Punkt gewesen, wer die Kurve übersieht, hätte in den Fluss hinter ihm fallen können. Er schwenkte ein Warnfähnchen. Aber das würde er nicht mehr machen, zu langweilig eben... Und so denke ich mir, eigentlich beneidenswert, mental so organisiert zu sein, da kann der Kopf beim Freediving eher nicht im Weg stehen.
Herr lass Abend werden und es wurde sogar Nacht. Der Raumteiler hatte vor dem Abtauchen in das Meer der Träume eingeräumt, dass das Abschalten der Klimaanlage vielleicht doch nicht so richtig gewesen wäre, aber nur, weil keine Frischluft in die Kabine gelangte. Ich ließ das so stehen und erwartete für später ein angenehm kühles Lüftchen, das gerne die kuschelig warme Bettdecke hätte zur Wirkung kommen lassen. Beim Betreten des Darkroom im Schein meines Smartphonedisplays verspüre ich eine gewisse Kühle, schiebe es zunächst auf den Temperaturunterschied zur tropisch warmen Nacht auf dem Oberdeck. Nach ein paar Minuten im Bett diagnostiziere ich einen zielgerichtet auf mich treffenden, eisigen Hauch, so muss sich HORROR TV anfühlen. Weil die Maschinen, die das Boot zum nächsten Liegeplatz treiben wieder den Ton angeben, kann ich akustisch nicht feststellen, ob sich die Klimatisierung zum völligen Gegenteil umgekehrt hat. Ich suche Schutz unter der Bettdecke, versuche den Zug am Kopf abzuschirmen. Irgendwann dusel ich weg und als die Schiffsmotoren schweigen, kehre ich ins hier und jetzt zurück. Anzeichen von Erfrierungen lassen mich handeln. Jetzt ist Schluss mit der Pietät. Vorsichtig arbeite ich mich an die Schaltzentrale heran, betaste die Schiebeschalter und den Drehknopf des Thermostat. Hier zählt es sich aus, dass ich als Fotograf in vielen Stunden in der Dunkelkammer einen besonderen Tastsinn ausbildete. Alle Funktionen stehen auf 100 Prozent. Bevor ich einer geschlachteten Schweinehälfte gleich im Kühlhaus hänge, sind die Einstellungen zu verändern. Ich warte nicht, bis sich Scotty oder Spock sich darum kümmern, Kirk kümmert sich selber. Geschafft. Für zwei Stunden angenehmerer Restnachtruhe sollte es reichen.
Irgendwie wundere ich mich, wie es sein kann, dass für alle körperpflegenden Maßnahmen nur das kleine Handtuch von meinem Co benutzt wird. Hmm, er ist wohl der einzige, der seinen Koffer in der Kabine untergebracht hat. Der ragt halb in den Raum und ist mit dem großen Handtuch abgedeckt. So wie Oma mit Spitzendeckchen irgendwelche Dinge in der guten Stube kaschiert. Man soll wohl den Koffer so nicht mehr sehen. Er ist aber da und so kann man den kleinen Schreibtisch nicht nutzen, denn darunter ist er halb hineingeschoben. Dann muss ich halt schauen, wo ich ungestört an der Reportage schreiben kann.
Mit dem guten Gefühl für diese Nacht alles richtig gemacht zu haben, schleiche ich mich wieder in Kabine zwei und das schwache Licht des Displays weist mir unbeschadet den Weg ins Bad und ins Bett. Der Raum fühlt sich wohltemperiert an. Die Schiffsdiesel brüllen ihr Schlaflied, das seit ein paar Nächten angehäufte Schlafdefizit schlägt sanft zu. Und jetzt kommt der Punkt, bei dem eine Einzelkabine nicht von der Hand zu weisende Vorteile hat. Ich erwache in der Stille der Nacht von unschönen Geräuschen aus dem Badezimmer. Was da abgeht, hört sich nicht gut an und riecht auch nicht gut. Das klingt nach der Rache des Pharao. Furchtbar. Mein Co tut mir leid. Nach einer Weile schleppt er sich aufs Bett, um den Rest der diesmal nicht enden wollenden Nacht, in kurzen Abständen erfolgenden, akustisch eindeutigen Exkursionen ins Badezimmer zu investieren. Mit brennenden Augen begrüße ich den herandämmernden Tag im Salon, löse braunes Pulver in einer Tasse heißen Wassers auf und denke nach. In dieser Reihenfolge gehen mir die Dinge durch den Kopf: Was hat den Co vergiftet - alle anderen an Bord sind gesund, wann wird das Bad wieder betretbar sein und wann bekomme ich die Kontaktlinsen wieder in die Augen. Der erneut fehlende Schlaf schlägt zu und bis Mittag ist damit das Tauchen gestrichen, da kann ich mir höchstens die Farbe aussuchen.
Im Verlauf der Zwangstauchpause dringt die Wahrheit über die Vergiftung des Co an mein Ohr. Und da ringe ich innerlich schon um eine ausgeglichene Haltung. Er hat trotz überall zur Verfügung stehenden Wasserangeboten aus dem Wasserhahn getrunken. Wasser der schiffseigenen Entsalzungsanlage. Nicht, dass beim Schiffsrundgang nach der Ankunft darauf hingewiesen worden wäre, dass das kein Trinkwasser sei...
Langsam, ganz langsam habe ich das Gefühl, dass meine Geduld doch eher endlich ist...
Zumindest verlief die kommende Nacht ab dem Verstummen der Schiffsdiesel ruhig und richtig temperiert. Der Co macht einen Tag Tauchpause. Die er hauswirtschaftlich nutzt, wie ich nach meinem ersten Tauchgang feststellen darf. Es sind nunmehr nur noch wenige Schritte die Treppe vom feudalen Salon hinunter in die Slums von Dheli. Der Co hat gewaschen. Da hängen im Bad Unterhosen und T-Shirts von der Leine. Den Abfalleimer füllt nach dem Intermezzo mit pharaonischen Keimen trotz Rei in der Tube unrettbare Leibwäsche.
Ich glaub das nicht. Ich möchte das nicht glauben. Ich weigere mich. Es nützt nichts, es ist, wie es ist.
Ich treffe den Co kurz darauf und er verkündet unbekümmert und nicht ohne Stolz, dass er gewaschen hätte. Das sei mir nicht wirklich verborgen geblieben, meine Antwort und hoffe, dass die unterirdische Deko bald verschwindet. Diese Hoffnung hat aber ihre 7 Leben bereits verwirkt und muss sterben. Sie ist mausetot und bleibt mit kleinen Ergänzungen oder Detailveränderungen fortan feste Dekoration, bis die Abreise uns scheidet.
Zurück von einem Tauchgang finde ich den Co auf seinem Bett auf dem Bauch liegend bei der Pflege der Fingernägel. Mit einem Nagelklipser stutzt er die Krallen, deren Abschnitte in wunderschönen Parabeln durch die Kabine fliegen. Ich deute an, dass es zum Krieg führen könne, sollte ich auf meinem Kopfkissen einen Fingernagelrest finden. Er wischt alle Bedenken mit dem Hinweis vom Tisch, dass er das Zuhause auch so machen würde. Behutsam wende ich ein, dass sein Zuhause 3450 Kilometer entfernt sei, mein Kopfkissen aber nur eineinhalb Meter. Das kommt nicht so richtig bei ihm an, er beregnet weiter die Kabine mit organischen Überflüssigkeiten. Geschlagen ziehe ich mich in den Slum zurück, um zu duschen. So wird seine Wäsche nie trocken...
Und gib dem Co kein Ketchup in die Hand. Nie, never. Beim Mittagessen sitzt er wieder einmal gegenüber. Es gibt u.a. Pommes. Die Tomatenwürze steht auf dem Tisch, ist - dank der Vorsehung - fast leer. Angesichts seiner Taktik an den Inhalt heranzukommen, bin ich froh, dass nicht mehr viel Inhalt Unheil anrichten kann. Mache aber nie die Rechnung ohne den Wirt. Der bringt gleich eine neue Flasche. Und es kommt, trotz meiner an ihn gerichteten Warnung, wie es wohl kommen muss, das Drehbuch der Komödie des Lebens ist schon geschrieben und muss nur noch umgesetzt werden, mit echten Akteuren. Mr. Unbekümmert befördert derart ungeschickt das rote Mus in Richtung seines Tellers, dass der halbe Tisch mit roten Tropfen beregnet wird. Das habe ich nicht bestellt, das hatte keiner bestellt, doch was kümmerts ihn, nach vermutlicher Einnahme der Tagesdosis von " das geht mir doch am Arsch vorbei". Während mein Tischnachbar mir unsichtbare Male des Ketchupangriffs aus dem Gesicht tupft und vom Hemd, komme ich nicht umhin, in einem Nebensatz zu erwähnen, dass er nun wenigstens die slumartigen Zustände im Bad beseitigen könne, damit wir wieder zur Normalität zurückfinden. Das war aber falsch gedacht, denn der Co lebt genau in dieser Normalität.
Wenig später klopft es an meiner Kabinentür, die mit am Tisch sitzenden Gäste möchten sich lachend und feixend ansehen, ob ich das erfunden habe, oder ob es wahr ist..... Unter großem Gelächter werden Fotodokumente erstellt.
Dass ich selbst im Grunde nur darüber lachen kann, ist sicher der beste Umgang mit diesem Lehrstück aus dem Leben.
Sollte es Sie liebe Leserinnen und Leser selbst einmal so oder ähnlich treffen, bleiben Sie locker. Im Kino würden Sie für so eine Komödie Eintritt bezahlen, so bekämen Sie sie kostenlos, wenn auch nicht umsonst.

Herzliche Grüße, Ihr


Michael Goldschmidt

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